Fabian: Im Studium wird vor allem gemessen, was schon da ist: Noten, ECTS, Regelstudienzeit. Was darüber hinaus in einem steckt, kommt in diesen Zahlen kaum vor. Viele merken erst nach dem Abschluss, dass ihre stärksten Seiten nie abgefragt wurden, manche erfahren es nie.
Dabei wäre das Studium der beste Moment, das zu ändern. Man hat Zeit, kaum etwas zu verlieren und die Freiheit, sich in Rollen auszuprobieren, die nicht im Curriculum stehen. Bei mir kamen die wichtigsten Erkenntnisse aus Funktionen, Projekten und Jobs neben der Uni, auch aus denen, die ich wieder gelassen habe. Manches hat sich richtig angefühlt, anderes habe ich erst im Rückblick verstanden. Deshalb fängt Karriereplanung für mich mit der Frage an, wo mein Potenzial liegt und woran ich es erkenne, und erst danach mit der Frage, was ich werden will.
Lilli: Ich glaube, genau dort wird es spannend. Viele Menschen verlassen Schule oder Uni mit einem sehr genauen Bild davon, wo sie nicht gut genug waren, aber mit einem viel zu ungenauen Bild davon, was ihnen eigentlich liegt. Das ist kein persönliches Versäumnis, sondern auch eine Folge davon, wie diese Systeme funktionieren. Sie bewerten bestimmte Leistungen zu bestimmten Zeitpunkten, aber sie zeigen selten, wie jemand denkt, Verantwortung übernimmt, Beziehungen aufbaut, Probleme erkennt oder in ungewohnten Situationen wächst.
Deshalb reicht es nicht, Erfahrungen einfach nur zu sammeln. Man muss sie auch ernst nehmen. Nach einem Projekt, Praktikum oder Nebenjob kurz festzuhalten, was leichtgefallen ist, was Energie gekostet hat und wo man besser war, als man erwartet hätte, klingt unspektakulär, ist aber oft aufschlussreicher als die nächste Note. Nach ein paar Wiederholungen entstehen Muster. Man merkt, welche Aufgaben einen größer machen und welche einen nur beschäftigen.
Gerade für Menschen, die in klassischen Bewertungssystemen nicht sofort auffallen, kann das viel verändern. Wenn du deine eigenen Muster kennst, wartest du weniger darauf, dass jemand anderes dein Potenzial erkennt. Du kannst klarer entscheiden, welche Räume du suchst, welche Rollen du ausprobieren willst und wo du dich nicht kleiner machen solltest, nur weil es bisher niemand benannt hat.

Autorenteam: Lilia Gerber, CTO von Cebras, kommt aus der Informatik und hat sich auf innovative Bildungslösungen spezialisiert. Sie beschäftigt sich damit, wie junge Menschen ihr Potenzial früher erkennen und gezielter einsetzen können.
Fabian Köppel, CEO und Co-Founder von Cebras, hat Wirtschaft studiert und sich in der Bildungspolitik engagiert. Er beschäftigt sich damit, wie Unternehmen und Bildungseinrichtungen Talente finden, die klassische Auswahlverfahren übersehen.