Dr. Susanne Glass, (*1970 in Schwäbisch Gmünd) ist Kriegsreporterin, Hörfunk- und Fernsehjournalistin. Von 1999 bis 2015 berichtete sie für die ARD als Studioleiterin in Wien über Österreich und Südosteuropa. Von 2006 bis 2016 war sie Präsidentin des Verbandes der Auslandspresse in Wien. Sie ist Mitinitiatorin des Europäischen Mediengipfels. Von 2016 bis 2021 war sie als Studioleiterin und Chefkorrespondentin im ARD-Studio Tel Aviv zuständig für Israel und die palästinensischen Gebiete. Derzeit leitet Susanne Glass die Redaktion Ausland und politischer Hintergrund beim Bayerischen Rundfunk.
Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Glass: Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie es mir schon ab dem Kleinkind-Alter ermöglicht haben, mich in möglichst vielen Bereichen auszuprobieren und meine Interessen und Begabungen gefördert haben. Sie haben mir vermittelt, dass sie an mich glauben, dass sie Leistung und Disziplin schätzen aber dass auch Scheitern erlaubt ist – wenn man danach wieder aufsteht. Ausschlaggebend war damals wie heute für mich, dass ich meine Talente dann so richtig entfalten kann, wenn ich Menschen an meiner Seite weiß, die mich in ihrer Unterstützung nicht einengen, sondern mich selbstbestimmt und mutig agieren lassen.
Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Glass: Wenn mir etwas ungerecht oder ungerechtfertigt erscheint, begehre ich dagegen auf. Am liebsten so lange, bis ich zu einer Veränderung beigetragen habe. Zumindest aber, bis ich mir sicher bin, dass meine Argumente bei den richtigen Stellen gelandet sind.
Misserfolge schmerzen mich. Aber ich verschmerze sie auch, weil ich sie als Ansporn nehme, mich weiterzuentwickeln.
Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Glass: In Bezug auf meine eigene bedaure ich manchmal, dass ich einen Teil meiner künstlerischen Begabung vernachlässigt habe, weil der Tag leider nur 24 Stunden hat. Viel mehr Gedanken, die ich mir mache, betreffen aber den allgemeinen Umgang mit Begabung und damit die nächste Frage.
Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Glass: Leider ist es weiterhin so, dass Finanzstärke und Beziehungen der Familien ausschlaggebend dafür sind, wie sich Kinder entwickeln können – das bedeutet, nicht die Begabtesten setzen sich durch, oft eher im Gegenteil. Ich fürchte außerdem, dass wir noch zu häufig unter monetären Erfolgsversprechen beurteilen, ob eine Begabung förderungswürdig ist – statt danach, ob sie unsere Gesellschaften in Zeiten bedrohter Demokratien moralisch und ethisch weiterbringt. Wer in Analogie zu der mir ohnehin suspekten Modefloskel „Work-Life-Balance“ glaubt, dass es eine „Begabungs-Life-Balance“ geben sollte, verkennt, dass zu einer erfolgreichen und erfüllenden Talent-Förderung Leidenschaft, Leistungs- und Leidensbereitschaft rund um die Uhr gehören.