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Ausgabe 21: Summertime

Die 2. große Hitzewelle des Jahres hat Europa im Griff. Zeit für etwas Ruhe und für grundsätzliche Gedanken – diesmal in dreifacher Form: Eine Reflexion und Buchvorstellung über Begabung und soziale Herkunft, ein Beitrag über Poesie, und schließlich ein Bullshit Bingo als etwas unkonventioneller Medientipp.

GASTBEITRAG von Sumaya Fahrner: Wenn Sprache zum Experimentierfeld wird – Poesie in der Schule

Wie der Poesieclub Wortspiel Schüler:innen dabei unterstützt, ihre Stimme zu finden

Manchmal braucht es gar nicht viel. Einen Raum, ein paar Wörter. Und die Erlaubnis, sie auf seine ganz eigene Weise zusammenzusetzen. Genau daraus entstand unser Poesieclub MÜHO (Münichholz) Wortspiel– ein Talenteförderangebot für Schüler:innen jeder Schulstufe, die Freude am kreativen Schreiben haben oder neugierig darauf sind, Sprache einmal anders kennenzulernen. Dabei ging es nie darum, perfekte Gedichte zu schreiben. Vielmehr wollten wir einen Raum schaffen, in dem Jugendliche Sprache als Ausdrucksmittel erleben können.
Warum Poesie?
Im regulären Deutschunterricht begegnen Schüler:innen Gedichten häufig analytisch: Sie untersuchen Reime, Stilmittel oder Interpretationen. Und sogar das kommt an den Mittelschulen oft viel zu kurz. Und dann fehlt auch noch oft der Bezug. Die meisten haben noch nie ein Gedicht gehört (außer: eine Maus kommt ins Haus). Und wer von den Kindern und Jugendlichen, die Deutsch als Zweitsprache lernt, soll denn eine hundert Jahre alte Sprache verstehen, wenn das schon für Deutsch – Erstsprachler schwierig ist. Und wer bitte ist dieser Göthe-Typ?

Im Poesieclub wollten wir den Blick umdrehen. Nicht zuerst fragen: “Was wollte der Autor vor 200 Jahren sagen?” Sondern: “Was möchtest DU sagen?” Die Kinder und Jugendlichen lernten immer eine bestimmte poetische Form kennen – vom Elfchen über Haikus bis hin zur konkreten Poesie – und nutzten diese als Ausgangspunkt für eigene Texte. Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Zugänge: spielerische, humorvolle, nachdenkliche und manchmal auch überraschend persönliche Texte.

Talentförderung beginnt mit Interesse

Der Poesieclub war als offenes Talenteförderangebot ausgeschrieben. Zu Beginn nahmen viele Schüler:innen teil. Im Laufe des Semesters kristallisierte sich jedoch eine kleinere Gruppe heraus, die regelmäßig wiederkam und mit großer Begeisterung schrieb. Gerade darin zeigt sich für mich ein wichtiger Aspekt von Begabungsförderung: Ich finde, Talente zeigen sich nicht ausschließlich durch außergewöhnliche Leistungen. Sie zeigen sich oft dort, wo Menschen freiwillig Zeit investieren, neugierig bleiben und sich immer weiter vertiefen möchten.
Denn Interesse ist häufig der Anfang von Begabung.

Kreativität mit Struktur

Obwohl im Poesieclub viel Freiheit möglich war, arbeiteten wir nicht ohne Rahmen. Jede Einheit stellten wir eine neue Schreibform oder einen kreativen Impuls vor.
Diese Struktur half den Jugendlichen, eigene Ideen zu entwickeln, ohne dass ihnen
vorgeschrieben wurde, worüber sie schreiben sollten.
Die Form gab Orientierung, der Inhalt blieb persönlich.
Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Texte – über Freundschaft, Sommer,
Tiere, Angst, Hoffnung oder den eigenen Alltag.

Elfchen

Kirche
Groß, Kreuz
Lieder werden gesungen
wegen meiner verstorbenen Oma
Leise

Ängste
Mobbing, Nadeln
schlagen, stehen, schupsen
Renn! Hilfe, traurig, allein
Stopp

Haikus

Himbeeren im Wald
sie schmecken nach Ferien
leicht süß, rot und rund

Das starke Stürmen
Donner, Blitz, Wind um die Ohren
Unterm Dach versteckt

Lernen sichtbar machen

Den Abschluss bildete unser Wörterfall, eine Installation aus den entstandenen Texten. Beim Schulfest konnten Eltern, Lehrkräfte und andere Schüler:innen die Gedichte lesen. So wurde sichtbar, was im Laufe des Semesters entstanden war – und gleichzeitig erfuhren die Kinder und Jugendlichen, dass ihre Gedanken und Texte einen Platz im öffentlichen Raum bekommen dürfen.

Der Poesieclub hat mir erneut gezeigt, wie viel Kreativität in jungen Menschen steckt, wenn wir ihnen Zeit, Vertrauen und geeignete Räume geben. Kreatives Schreiben fördert dabei weit mehr als sprachliche Kompetenzen. Es stärkt Selbstwirksamkeit, Ausdrucksfähigkeit und die Freude daran, eigene Gedanken ernst zu nehmen. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass solche Räume auch künftig selbstverständlich Teil von Schule sind. Denn Begabungsförderung bedeutet für mich nicht, außergewöhnliche Kinder auszuwählen. Sie bedeutet, außergewöhnliche Lernräume zu schaffen. Denn oft zeigen sich Talente erst dann, wenn junge Menschen erleben, dass ihre Ideen willkommen sind.

Wer als talentiert gilt, ist auch eine Frage der sozialen Herkunft

Ein Gastbeitrag von Rebecca Caric und Sarah Riedenbauer, Autorinnen des Buchs „Soziale Herkunft“ (erschienen bei Springer Essentials)

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Denken Sie einen Moment über die folgende Frage nach: „What’s classy if you’re rich and trashy if you’re poor?“

Die Frage wirkt zunächst wie ein pointierter Social-Media-Satz. Tatsächlich legt sie einen grundlegenden Mechanismus sozialer Ungleichheit offen: Wir bewerten nicht nur, was jemand tut, sondern auch, wem wir dieses Verhalten zuschreiben. Derselbe Sprachstil kann als souverän oder ordinär gelten, dieselbe Freizeitgestaltung als exzentrisch oder geschmacklos, dieselbe Erwerbsunterbrechung als selbstbestimmte Auszeit oder als mangelnde Disziplin.

Die Vorstellung, jede Person könne allein durch genügend Willen alles erreichen, würdigt Leistung und verspricht Selbstwirksamkeit. Problematisch wird sie dort, wo ungleiche Ausgangsbedingungen unsichtbar bleiben. Menschen verfügen nicht über dieselbe Zeit, dieselbe finanzielle Absicherung oder dieselbe Kenntnis von Bildungs- und Karrierewegen. Auch Fehler haben unterschiedliche Folgen: Was für die einen ein korrigierbarer Umweg ist, kann für andere eine existenzielle Krise bedeuten.

Dieser Blick relativiert persönliche Leistung nicht. Er macht vielmehr sichtbar, unter welchen Bedingungen sie erbracht wird. Chancengerechtigkeit heißt daher nicht, Anforderungen aufzugeben. Dennoch sollten wir genauer hinsehen ob beispielsweise ein Kriterium für eine Ausbildung oder Tätigkeit tatsächlich erforderlich ist oder ob vor allem die Vertrautheit mit bestimmten sozialen oder kulturellen Codes belohnt wird.

Wie relevant diese Frage für die Arbeitswelt ist, zeigt die 2025 veröffentlichte Studie der Arbeiterkammer Wien zu Klassismuserfahrungen. Klassismus bezeichnet die Abwertung, Benachteiligung oder Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen sozialen Position. Die Befragten nannten im Durchschnitt fünf Lebensbereiche, in denen sie entsprechende Erfahrungen gemacht hatten. In diesem Kontext hervorzuheben: Das Arbeitsleben wurde mit 61 Prozent besonders häufig genannt.

Bildungseinrichtungen und Unternehmen entscheiden durch ihre Kriterien, welches Potenzial sichtbar wird. Wird ein Auslandsaufenthalt als Initiative gelesen, ohne zu fragen, wer ihn finanzieren konnte? Gilt souveräne Selbstdarstellung als Führungspotenzial, obwohl sie auch Ergebnis früher Übung sein kann? Werden ungewöhnliche Bildungswege als Risiko oder als Lernfähigkeit bewertet?

Organisationen können gegensteuern, indem sie kompetenzorientiert auswählen, nicht linerare Bildungswege nicht vorschnell als Defizit bewerten und Zugänge zu Mentoring, Qualifizierung und Netzwerken öffnen.

Vertiefung: Springer-Essential „Soziale Herkunft“

Das Springer-Essential „Soziale Herkunft“ ordnet soziale Herkunft als häufig übersehene Diversitätsdimension ein. Es erklärt zentrale Begriffe und Wirkmechanismen, beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Herkunft, Bildung und Arbeitswelt und zeigt Ansatzpunkte für Organisationen auf, die soziale Durchlässigkeit systematischer gestalten möchten.

Habt immer im Kopf: Soziale Herkunft entscheidet.

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Terminhinweis:

Wer die Diskussion über soziale Herkunft, Chancengerechtigkeit und wirksames Diversity Management vertiefen möchte, ist herzlich zu re:think diversity eingeladen: zum Kongress am 21. Oktober 2026 und zu den Workshops am 22. Oktober 2026.