1963 in Wien geboren, studierte Dieter-Michael Grohmann Rechtswissenschaften sowie Werbung in Österreich, Management in der Schweiz und Film u.a. an der New York Film Academy (USA). Er betreibt die Filmproduktion und Unternehmens-/ Kommunikationsberatung „beyond by DMG“; weiters unterrichtet er u.a. Kreativität an einer internationalen Business School. Seine Filme gewannen mehr als 250 internationale Awards. Augenzwinkernd meint er, er sei wohl der unbekannteste Prominente aus Österreich. Aktuelles Buch: “Kroatische Elegien”
Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Eigentlich war ich seitdem ich denken kann schöpferisch tätig. Da dies in einer Familie in der Kunst maximal als Hobby, aber nicht als ernsthaft erachtet oder gefördert wurde, verblieb fast alles privat wie eine Fingerübung. Später in verschiedensten Berufen wie Citymarketing, Politikberatung und selbst Unternehmenskommunikation wollte fast alles nicht verstanden werden und daher nicht umgesetzt. Gefragt war nicht Kreativität und “Out-Of-The-Box” Kommunikation, sondern allgemeine, angepasste Administration. Erst nach der Entsendung 2005 nach Belgien zu einem europäischen Verband (u.a., weil man mit mir als Unangepasstem in Österreich nichts anzufangen wußte) konnte ich mich entfalten und unter einem weitsichtigen Mentor Multimediaevents und visuelle Narrative umsetzen. Eines diese Projekte (“How it feels to be an entrepreneur”) hatte binnen 3 Tagen mehr als 7.500 Besucher in Brüssel und im Jahr darauf in Barcelona mehr als 10.000 Besucher im gleichen Zeitraum. Plötzlich wurde ich als kreativ und als genial gehandelt. Als der Mentor pensioniert wurde, klang dies sukzessive ab und bald galt ich als irgendetwas zwischen Spinner und Künstler. Dabei halte ich mich selbst weder als Spinner noch als besonders kreativ. Ausschlaggebend für die Entfaltung war ein persönliches Grundvertrauen und ein von der Hierarchie gewährter Safe-Space. Was ich u.a. vom Spiel Tetris gelernt habe, ist: wer sich perfekt einfügt, verschwindet als Individuum – und somit sind herausragende Ergebnisse kaum möglich.
Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Gott hat uns Arme und Beine gegeben um zu gestikulieren und eine Stimme um zu schreien. Und was heißt es in der Schule? Still sitzen und Maul halten. Es geht auch nicht darum seinen Namen zu tanzen, sondern das Individuum zu erkennen und zu fördern. Das ist unbequem. Ein Zitat eines ehemaligen Arbeitgebers, welches von einem Wohlwollenden an mich weitergereicht wurde? “Dieter ist echt gut, aber er weiß es (noch) nicht. Daher müssen wir ihn jetzt brechen und so umbauen, dass er uns nützt ohne es zu begreifen.” Ich rebellierte damals nicht wirklich gegen das System, obwohl dieses und deren Entourage mich zwar erkannte, aber mein “Coming-out” nachhaltig behinderte, statt es zu nutzen – bis der Damm gebrochen ist und ans Licht mußte, was ans Licht mußte. Auf der anderen Seite bin ich heute auch sehr dankbar, dass ich so lange von außen nicht entsprechend gefördert wurde. So habe ich einen freien Blick auf Systeme und die Gesellschaft bewahrt und geschärft. Für mich als Künstler und mehr noch als Mensch ist das Prinzip Freiheit essenziell.
Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Ich halte mich wie gesagt nicht für besonders begabt oder kreativ, sondern nur für weitgehend frei denkend. Ich sehe vieles von mehreren Blickwinkeln und damit wird eine eindimensionale Gesellschaft und ihre gefängnisartigen Systeme sehr drei- und sogar vierdimensional. Dadurch werden sie als inferior lächerlich entlarvt. Die Hauptfrage ist: Wieviel Zeit ist mir noch gegeben meine Projekte auch gegen Widerstände umzusetzen – und wie komme ich an die Finanzierung ran, die dazu nötig ist. (Stichwort Echokammer Filmförderungssysteme und es wundert mich immer mehr wie viele tatsächlich grottenschlechte Projekte teilweise höchst gefördert werden – bzw. wundert es mich auch nicht wirklich.)
Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
In einer globalen Gesellschaft, die ideologisch immer enger wird, frage ich mich wie es möglich sein kann individuellen Begabungen jene Freiheiten einzuräumen, die diese brauchen. Im Zeitalter der unbeweglichen Schützengräben der Cancle-Culture einerseits und der trotzigen Gegen-Cancle-Culture sehe ich nur den “Untergrund des Geistes” als Chance für eine Zeit nach der Exklusivität der Förderung jener, die das System weiterbauen und beschützen. Begabung muss frei sein und darf nicht von der einen oder anderen Seite vereinnahmt werden. Aber für eine Person mit einem Hammer sieht alles aus wie ein Nagel, wie Neil Postman schreibt. Man muss jedenfalls bereit sein für diese Stunde Null, in der wieder alles möglich ist – sofern es gut, richtig und wahr ist, ein Geschenk für die Menschheit und Humanität und nicht mehr “just another brick in the wall.”