Gastbeitrag von Birgit Hartel: Frühe Begabungen vor den Vorhang!
Birgit Hartel arbeitet als Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin in eigener Praxis in Wien (www.hochbegabung.wien) und als Trainerin in ganz Österreich. Sie studierte Psychologie, Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik. Ihre Themenschwerpunkte sind (Hoch-)Begabung, Lernen lernen und die persönliche Stärkenentwicklung. Sie ist diplomierte ECHA-Pädagogin (Expert in Educating the Gifted), mBETplus-Begabungscoach und Marte-Meo Therapist.
Hartel bringt ihre Erfahrungen als ECHA-Länderbeirätin für Wien und als stellvertretende Leiterin der Fachsektion Pädagogische Psychologie im Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) ein. (Foto: Sebastian Frank)
Die frühe Förderung von Begabungen erfährt in den letzten rund 15 Jahren deutlich mehr Beachtung. Erkenntnisse der Expertiseforschung über die Bedeutung eines frühen Einstiegs in eine Domäne legen eine interessen- und stärkenbezogene Förderung von Kindern schon vor dem Schuleintritt nahe. Aus den Bereichen Sport und Musik ist das hinlänglich bekannt. In der Regel liegt das Einstiegsalter zwischen dem dritten und achten Lebensjahr. Auch in akademischen Begabungsdomänen beginnt spätestens mit dem Schuleintritt im meist siebten Lebensjahr eine systematische Unterweisung. Einfühlsame Eltern (und ElementarpädagogInnen) reagieren jedoch bereits lange vor Schuleintritt auf die Interessen und den Wissensdurst junger Kinder und legen damit den Grundstein für eine „positive Wissensspirale beim Lernen“ (Ziegler, 2014, S. 101). Eine gut strukturierte Wissensbasis im vorschulischen Alter stellt eine notwendige Voraussetzung für spätere, schulische Lernprozesse dar. Begabte Kinder gelten dabei als erfolgreicher, Informationen aus ihrer Umwelt durch ausgeprägtes Explorationsverhalten zu integrieren. So kann bereits bei begabten Kindergartenkindern ein teilweise umfangreiches Spezialwissen beobachtet werden, das über die Lebensspanne hinweg bis zum ExpertInnenniveau ausgebaut wird. Gleichzeitig erwerben sie bereits früher Problemlösestrategien und höher ausgeprägte metakognitive Kompetenzen. Das Fähigkeitspotenzial eines Kindes rechtzeitig einzuschätzen, trägt somit zu einer entwicklungsangemessenen Begabtenförderung bei.
Kinder mit Hochbegabung brauchen Lernangebote, die zu ihrem Potenzial passen. Fehlen diese, drohen sinkendes Selbstvertrauen, Verhaltensauffälligkeiten, sozialer Rückzug oder psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Hochbegabtenförderung ist daher kein „Luxus“, sondern Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung – und in den Kinderrechten verankert.
Eltern hochbegabter Kinder spielen eine Schlüsselrolle in der Förderung ihrer Kinder, geraten dabei aber oft selbst unter Druck. Studien zeigen: Sie brauchen Wissen, Austausch und emotionale Unterstützung. Viele fühlen sich isoliert, unsicher in Erziehungsfragen und erschöpft, weil sie zwischen institutionellen Rahmenbedingungen (in Kindergarten oder Schule) und den individuellen Bedürfnissen ihres Kindes vermitteln müssen. Sie sind gefordert, immer wieder als „Anwälte“ ihrer Kinder aufzutreten – in Schule, Kindergarten oder sogar im Freundeskreis. Fachliche Beratung, mehr gesellschaftliche Anerkennung und der Austausch mit anderen betroffenen Familien helfen, diese Aufgabe gelassener und gestärkter wahrzunehmen.
Ein Angebot, das die Bedürfnisse der Eltern hochbegabter Kinder aufgreift, ist die online-Gruppenberatung „BeGIFTed!“ der Praxis Hartel-Elementar, die jedes Monat einem anderen Thema aus dem Alltag mit hochbegabten Kindern gewidmet ist.
Am 20.10.2025 dreht sich alles um die frühe (Hoch-)Begabtenförderung. Gastexpertin Sabine Wohlfahrt, Begabungspädagogin aus Kärnten, berichtet aus ihrer Praxis und gibt Tipps zur Förderung junger begabter und interessierter Kinder. Folgende Fragestellungen stehen im Mittelpunkt: „Welche Rahmenbedingungen braucht es, um innerhalb der Familie eine begabungsfreundliche Umgebung zu schaffen?“ „Wie können Familien individuelle Stärken und Interessen fördern?“ Im Austausch untereinander entstehen sicher viele, einzigartige Förderideen! Und um die hochbegabten Eltern selber und ihre Bedürfnisse geht es übrigens am 24.11.2025.
Fazit: Hochbegabte Kinder benötigen passende Lernbedingungen – und ihre Eltern brauchen Rückhalt. Wer beides zusammendenkt, stärkt nicht nur das Potenzial der Kinder, sondern das gesamte Familienleben.
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Literatur:
Hartel, B. (2021). Begabungsdiagnostik bei Kindergartenkindern. Psychologie in Österreich, 2, 147–155.
Ziegler, E. (2014). Talent und Begabung in der Kognitionspsychologie. In M. Stamm (Hrsg.), Handbuch Talententwicklung. Theorien, Methoden und Praxis in Psychologie und Pädagogik (S. 97-106). Bern: Huber.

Foto: Sebastian Frank



GIDEON - Foto: Rebecca Beiter

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