4 Fragen an … Toni Kronke, stv. Geschäftsführer Teach For Austria

Toni Kronke ist Teil des Gründerteams und stv. Geschäftsführer bei Teach For Austria. 2009 schloss er sich dem ersten Fellow-Jahrgang bei Teach First Deutschland an und ist seitdem innerhalb der internationalen Bildungsbewegung Teach For All aktiv. Vor seinem Wechsel in den Bildungsbereich arbeitete Toni in Projekten u.a. in Brasilien im Bereich Capacity Building, Partizipation und demokratische Entwicklung. In Deutschland arbeitete er für Entwicklungsorganisationen mit Schwerpunkt Migration/Brain Drain, war für Bürgerradios tätig und startete Kultur- und Filmfestivals. Toni studierte angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim mit Schwerpunkt Medien und strategische Kommunikation sowie Audiovisuelle Technologie an der ESMAE in Porto/Portugal.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Kronke: Immer dann, wenn ich die Freiheit hatte, ganz ich selbst sein und mich meinen eigenen Interessen widmen zu können.  

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Kronke: Auf Lehrer:innen bezogen: Ich werde immer den Status quo infrage stellen. Damit konnten die allerwenigsten Lehrer:innen umgehen. Und darum war Schule kein Ort der Entfaltung für mich. Dagegen habe ich rebelliert.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Kronke: Unser Schulsystem teilt Kinder schon mit 10 Jahren in unterschiedlichen Schulformen auf. Um Begabung geht es bei dieser Aufteilung oft nicht. Viel mehr um den Bildungsstand, den sozioökonomischen Hintergrund und die Herkunft der Eltern. Innerhalb dieses Schulsystems bleiben so viele Potentiale einfach unentdeckt und auf der Strecke. Das müssen wir ändern, im Interesse von uns allen.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Kronke: Begabtenförderung wird als Nischenthema behandelt. Als Gesellschaft sollte es uns aber wichtig sein, dass Menschen ihre Begabungen voll entfalten und damit ihre eigene und  die Zukunft von uns allen positiv gestalten können. Lehrkräfte und Pädagog:innen sind ein großer Teil des Puzzles, aber wir alle sind dafür verantwortlich.

Portrait Gerlinde Heil - Foto: Manfred Baumann

Erfahrungsbericht: Neurodivergent Leadership in der Praxis – von Gerlinde Heil

Gerlinde Heil, Didaktikerin, Gründerin und CEO von Science Pool, einem privaten Bildungsunternehmen (KMU mit 50-60 Angestellten), das sich mit MINT-Vermittlung befasst. Das Angebot umfasst Schulworkshops im Haus Science Pool, Freizeitpädagogik, Ferienprogramme und Events österreichweit. 

Eigentlich wurde der Science Pool gegründet, um die Interessen begabter Kinder und Jugendlicher zu fördern. Dabei gibt und gab es Schnittstellen mit weiteren Neurodivergenzen – besonders AD(H)S und Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die Grenzen sind, wenn sie überhaupt existieren, fließend. Eine „Kochrezeptmethodik“ gibt es nicht. Allerdings funktioniert eine gewissermaßen „gemeinsame Sprache“: Als selber Neurodivergente ist es schon recht viel einfacher, neurodivergente Kinder zu unterrichten, zu coachen, zu interessieren.
Als diese Kinder älter wurden, suchten sie Jobs. Und blieben auch während des Studiums im Science Pool als Vermittlungspersonen.

Das ist mittlerweile schon lange her, die damaligen Studierenden sind in ihren Brotberufen gelandet, die Arbeit im Science Pool ist kein Job mehr – was geblieben ist: Ich leite ein Unternehmen als Neurodivergente, das viele Neurodivergente angestellt hat und viele Neurodivergente unterrichtet.
Dass Unterschiede in der Form der Zusammenarbeit bestehen, wird mir nur selten bewusst. Die Hierarchien sind sehr flach, kaum erkennbar und fluid. Sie beruhen auf Spezialistentum. Andererseits greifen alle unsere Tätigkeiten, Events, Projekte, Kinderkurse, Workshops auf den gleichen Personenpool zu, daher kann jeder alles. Allerdings eben nicht immer gleich gut oder gleich gerne.

Hier muss die Einsicht in die Notwendigkeit bestehen, und auch darin, dass die Erfahrungen einer Person, die etwas nicht gern macht, für alle anderen sehr hilfreich sind. Wesentlich ist auch das Wissen um und die Akzeptanz der Besonderheit aller anderen: Offenheit ist eine Bring- und Holschuld. Leistung allerdings auch. Manchmal kommt bei einigen Personen die Leistungskurve in Wellen, das ist gut zu integrieren, wenn man es weiß und kennt und auch die betroffene Person damit gut umgeht. Oft helfen schon kleine Anpassungen der Arbeitsumgebung – Geräusche, visuelle Achsen, Kernzeiten.
Umso weniger das Team durch unnötige Kleinigkeiten belastet ist, umso lieber arbeitet es. Eustress leitet besser als ein Chef.
Allerdings „kracht“ es schon auch. Und gerade intelligente Menschen können gut abschätzen, wo es weh tut. Kritik tut immer weh, besonders klugen Leuten tut sie meist besonders weh. Viele sind nicht daran gewöhnt, Fehler zu machen, das alles weiß ich natürlich auch aus eigener Erfahrung: Wer viel arbeitet, macht auch entsprechend mehr Fehler. Und es interessiert mich im Normalfall nicht, wer den Fehler macht, sondern dass er kein zweites Mal passiert.

Wesentlich ist einerseits ein hohes Maß an Toleranz, andererseits auch, die Grenze zwischen Toleranz und Gefährdung zu definieren. Notfalls täglich neu.

Fazit: Eine „Kochrezeptkommunikation“ mit Mitarbeitenden gibt es auch nicht. Aber auch hier funktioniert die gewissermaßen „gemeinsame Sprache“. Und Diversität ist bei uns Norm.
Mikromanagement funktioniert unter Neurodivergenten nicht besonders gut – auch, weil ich es selber nicht gern ausübe. Der größere Frei- und Gestaltungsraum unterstützt bei den meisten auch ihren Willen, Verantwortung zu übernehmen, auch und vor allem für Kinder, die auf Grund ihrer Interessen und Besonderheiten auch besondere Förderung brauchen.
Als neurodivergente Person Rücksicht der anderen Teammitglieder zu verlangen, bloß weil man neurodivergent ist, funktioniert im Kontext unserer Tätigkeiten allerdings nicht pauschal. Neurodivergenzen nutzbringend einzusetzen, allerdings schon – niemand muss darunter leiden, schnell zu denken!

4 Fragen an … Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende Infineon Technologies Austria AG

DI Dr.in Sabine Herlitschka, MBA ist seit April 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG. Zuvor war sie in der industriellen Biotech‑Forschung tätig, verantwortete internationale Forschungs‑ und Technologiekooperationen und ‑finanzierung (u. a. bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft/FFG) und wirkte als Gründungs‑Vizerektorin der Medizinischen Universität Graz. Forschungsaufenthalte an US‑Institutionen und ein Fulbright‑Stipendium runden ihren Werdegang ab. Aktuell engagiert sie sich u. a. als Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung, Aufsichtsrätin der ÖBAG und im Wissenschaftlichen Beirat des Forschungszentrums Jülich. 2025 erhielt sie den Schumpeter‑Preis.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Herlitschka: Rückblickend dort, wo ich Neugier in konkrete Wirkung übersetzen konnte. Ich hatte früh gute Bildungszugänge – aber entscheidend war die Erkenntnis, dass Wissen kein Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung entfaltet. Forschung, Technologie und später Führung haben mir dafür den Rahmen gegeben. Ausschlaggebend waren Menschen, die mir Vertrauen, Verantwortung und Ambition zugleich gegeben haben

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Herlitschka: Dass ich am stärksten lerne, wenn Theorie und Blick auf deren mögliche Anwendungen besser zusammenfinden – und das projekt- oder themenorientiert und mit hohem Anspruch. Und dass Unterschiedlichkeiten in Teams mir Energie geben: verschiedene Blickwinkel, kontroverse Debatten – Fordern und Fördern als gemeinsamer Nenner.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Herlitschka: Wie schaffen wir es, Begabung früh zu erkennen, Breite zu fördern und gleichzeitig Exzellenz konsequent zu entwickeln – ohne ideologische Scheindebatten? Die eigentliche Frage ist nicht entweder Chancengerechtigkeit oder Spitzenförderung, sondern wie wir beides systemisch verzahnen. Andere Länder zeigen, dass frühe Talentidentifikation und Leistungsdifferenzierung in Verbindung mit Forschung und Wirtschaft wirken.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Herlitschka: Begabtenförderung ist kein Elitenthema, sondern eine strategische Frage für den Innovations‑ und Wirtschaftsstandort Europa. Wenn wir im globalen Wettbewerb bestehen wollen, brauchen wir mehr Tempo, mehr Tiefe und mehr Exzellenz – in Forschung, Technologie und Industrie. Das gelingt nur, wenn wir außergewöhnliche Talente früh erkennen und ihnen bestmögliche Rahmenbedingungen bieten. Breite Bildungszugänge schaffen Potenzial, aber Exzellenz entscheidet über Innovationsfähigkeit.

4 Fragen an … Ronja Woidig, Schülerin in einem Hochbegabten-Förderungsprogramm in Bayreuth

Ronja Woidig (*2009) ist Schülerin des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums Bayreuth und Teil des Hochbegabtenförderungsprogrammes. Sie besucht die Modellklasse, in welcher hochbegabte Schüler*innen besondere Förderungen erhalten.  Beim Karg Fachforum Schule Ende Februar berichtete sie von ihren Erfahrungen.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Woidig: Für mich gab es zwei ausschlaggebende Faktoren: Das Umfeld und die Motivation. Besonders Kinder brauchen ein Umfeld, dass sie unterstützt, um sich sicher genug zu fühlen, ihre Begabungen zu zeigen und zu kultivieren; in einem solchen Umfeld befinde ich mich seit meinem Eintritt in die Hochbegabtenklasse im fünften Schuljahr. Jedoch ohne Motivation, ohne wirklichen Spaß an meinen Projekten hätte ich mich niemals so entfalten können – deshalb ist es die Aufgabe der Schule, Kindern Lust auf Wissen zu machen, anstatt ihnen Antworten auf Fragen zu geben, die sie nicht gestellt haben.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?
Woidig: Ich arbeite am besten, wenn ich das, was ich mache, selbst ausgewählt habe. Es ist wichtig für Schüler, Kontrolle darüber zu haben, worauf sie ihre Zeit und Energie verwenden. Ich habe viel Glück, da an meiner Schule auf Mitspracherecht der Schüler und freies Arbeiten großer Wert gelegt wird.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Woidig: Begabung ist – per Definition – das Potential einer Person. Wir sind keine Propheten, können nicht in die Zukunft blicken; wie können wir also darüber bestimmen, wer Potential hat und wer nicht? Jeder Mensch hat prinzipiell Potential; „hochbegabt“ ist nur ein Label, das uns vom Rest der Menschen abgrenzt. Ich wünsche mir eine Welt, in der man das Wort „Hochbegabung“ nicht braucht, weil jeder Begabungen besitzt.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Woidig: Ich wünsche mir, dass mehr Formen der Begabung allgemein anerkannt werden. Ich wünsche mir, dass wir uns nicht jeden Tag Vorurteilen stellen müssen; dass wir nicht in allem perfekt sein müssen. Vor allem wünsche ich mir aber, dass unsere Gesellschaft erkennt, dass die Bildung unserer nächsten Generation eine der wichtigsten Pflichten unseres Staates ist.

4 Fragen an … Daniel Oehry, Bildungsminister des Fürstentums Liechtenstein

Daniel Oehry (*1971) ist seit April 2025 Regierungsmitglied des Fürstentums Liechtenstein und leitet das Ministerium für Infrastruktur und Bildung.
Er absolvierte eine Lehre als Maschinenzeichner bei der Hilti AG in Schaan und ein berufsbegleitendes Maschinenbaustudium (Dipl. Ing. FH) an der FH Liechtenstein. Vor seiner Tätigkeit als Regierungsrat war Oehry Projektleiter in der Personalabteilung bei der Hilti AG.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Oehry: Das eine wichtige Grundlage war stets machen-lassen. Wenn man uns Jungs mit einem Fahrrad, einer alten Motorsäge und Werkzeug einfach machen liess, so liess das selbergebaute Moped nicht lange auf sich warten. Die andere war an-einen-glauben. Gerade in der Lehre durfte ich dieses Vertrauen erfahren, als ich im Sondermaschinenbau mit selbständiger Lösungsfindung beauftragt wurde.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Oehry: Die Frage ist, ob es – insbesondere vor dem damals bestehenden System und seinen kaum bestehenden Freiheiten zur individuellen Förderung – einen Unterschied gemacht hätte, aber die Erkenntnis, dass insbesondere in Bereichen, in denen ich mich schwertue, mir der Zugang über die Praxis sehr hilft, hätte helfen können. So waren Sprachen nie meins, weder Deutsch noch Französisch. Als ich dann im Beruf eine praktische Anwendung für Englisch hatte, machte ich plötzlich überraschende Fortschritte.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Oehry: Selbstverständlich bin ich immer noch gespannt, wo in mir noch Begabungen liegen, derer ich mir nicht bewusst bin, weil ich sie noch nie einsetzen musste. Und in diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, als Privatperson und als Bildungsminister, wie erkennt man bei sich und bei anderen Begabungen, ohne auf einen dieser Zufälle warten zu müssen, der eine davon freilegt. Es würde mich beispielsweise freuen, zu erkennen, dass ich eigentlich ein toller Fotograf bin.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Oehry: Der Versuch der Ausmerzung von Schwächen nimmt bei uns immer noch mehr Raum ein als die Förderung der Stärken. Eine solide Grundausbildung über alle Fächer und Themen hinweg, als gemeinsame Ausgangsbasis, ist wichtig. Ab einem gewissen Zeitpunkt sollten wir aber der individuellen Begabung mehr Platz zur Entfaltung einräumen. Darin, so bin ich überzeugt, liegt noch massives Potential, sowohl für jeden einzelnen als auch für Gesellschaft und Wirtschaft.

 

 

Editorial zu Ausgabe 09: Einstellungen, Tools und eine Bitte um Feedback

Voller Motivation und interessanten Leuten geht es weiter. Im Kommentar von Ronny Hollenstein geht es um Beruf und Karriere. Im Interview ist diesmal Michael Roither, der Vizerektor für Internationales der Hochschule Burgenland. Eine besondere Empfehlung ist der Methodenschatz von Frauke Niehues.

In zwei Wochen gibt es bereits die 10. reguläre Ausgabe dieses Newsletters.  Die nächsten Stories sind bereits in Vorbereitung, auch ein erstes Format für Abonnent:innen und Interessierte im März.

Danke für persönliche Rückmeldungen – ich freue mich auf Dein Feedback via redaktion@xlnttlnt.net
MACHEN WIR MEHR DARAUS!

3 Fragen an … Johanna Pirker, Professorin für Game Development, Virtual Reality und Künstliche Intelligenz

Johanna Pirker ist Professorin an der TU München und der TU Graz, spezialisiert auf Game Development, Virtual Reality und Künstliche Intelligenz. Sie verbindet Forschung, Lehre und Science Communication und arbeitet daran, wie Spiele und immersive Technologien unser Verständnis von Lernen, Kultur und Gesellschaft verändern können.

Was war dafür ausschlaggebend, dass Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können?

Die Kombination aus Wissen und Freiheit. Die Möglichkeit dann durch Gelerntes eigene Projekte umzusetzen zu können hat viel eröffnet. Das war vermutlich weniger „Talent“ als die Kombination aus Freude an einer Tätigkeit und dem Fleiß., der daraus Freude entsteht.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich glaube wir stellen oft noch die falschen Fragen. Oft wird früh gefragt: „Was möchtest du werden, wenn du groß bist“. Aber zu dem Zeitpunkt kennen wir doch noch so wenige Möglichkeiten. Wichtiger sind Fragen, wie: „Was tust du gerne?“ und hier zu unterstützen.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Wichtig ist, keine Vorurteile oder Erwartungen mitzugeben – keine schnellen Annahmen darüber, was jemand können oder werden soll. Begabung braucht Vielfalt, Räume zum Ausprobieren, Neugier und Freude an der Sache selbst.

 

Mut zur Positionierung! – Gastbeitrag von Cornelia dal Sasso

Meine erste Buchhaltung habe ich im Schuhkarton abgegeben. Ich habe mich geschämt, bis ich die Freude meiner Buchhalterin Andrea gesehen hab. Es war, als hätte ich ihr ein Weihnachtsgeschenk überreicht. Ihre Augen leuchten und ich hatte das Gefühl, dass sie es gar nicht erwarten konnte, ihn zu öffnen, die Belege zu sortieren und zu tun, was man eben so macht als Buchhalterin.

„Wie kann man sich nur so über einen Karton voller Belege freuen?!“, fragte ich sie. Sie hat gelacht und gesagt: „Ganz einfach. Schon als Kind habe ich gerne sortiert, geordnet und selbst im größten Chaos den Überblick behalten. Ich liebe das! Für mich ist das ganz leicht und macht echt Spaß!“

In dem Moment war mir klar, dass ich keine bessere Buchhalterin finden würde. Wie gut, dass Andrea sich dieses Talent bewahrt hat. Wie leicht hätte sie sich das ausreden lassen können: „Sortier doch nicht schon wieder alles!“, „Mach mal was Sinnvolles!“, oder: „Nimm dich doch nicht so wichtig mit deiner Ordnungsliebe!“ oder „Schön langsam wirst du echt zum Monk!“
Solche Sätze bekommen viele Kinder zu hören, deren Talente aus dem Rahmen fallen oder unerwünscht sind.

Andrea hat sich davon nicht beirren lassen. Sie hat ihre Freude am Strukturieren behalten und daraus ihr berufliches Zuhause gemacht.

Mut zur Positionierung beginnt genau da:
Bei der ehrlichen Anerkennung dessen, was uns anders macht und wer wir wirklich sind. Andrea hätte sich ja auch denken können: „Sortieren, ordnen, strukturieren – das kann doch jede*r.“ Hat sie aber nicht. Sie hat verstanden, dass genau darin ihr Wert liegt und sie damit Menschen wie mich rettet.

So findest Du den Mut, Dich zu positionieren:

  1. Recherchiere, was Dich anders macht.
    Finde heraus, was Du schon als Kind gut konntest. Frag Deine Familie oder Menschen, die Dich schon lange kennen: Womit habe ich Euch früher überrascht? Was konnte ich, ohne es zu üben?
  2. Finde Orte, an denen Du wertvoll bist.
    Mut braucht Resonanz. Finde Umfelder, in denen Deine Talente gebraucht und geschätzt werden. Das kann ein Netzwerk sein, ein Team, ein Projekt oder eine Community, in der Andersartigkeit als Stärke gilt.
  3. Bezieh Position und nimm sie in Besitz.
    Sag wofür Du stehst, was Du besonders gut kannst und wofür Dich andere kennen sollen.

Positionierung ist keine Angeberei, sondern ein Angebot: Du hilfst Menschen, Dich zu finden, weil Du klar sagst, wofür Du da bist.

Warte nicht bis andere Dich und Deine Talente erkennen. Bestimme selbst und positioniere Dich. Denn damit machst Du nicht nur Dein Leben lebenswerter – Du hilfst auch anderen, ihre Talente zu leben.
Weil sie sich dann nicht mehr mit Schuhkartons voller Belege aufhalten müssen.

Cornelia dal Sasso ist Markenstrategin, Wirkungsprofilerin, Positionierungscoach und Unternehmerin seit 2012. Sie unterstützt Unternehmer*innen und Führungskräfte dabei, ihren unverwechselbaren AndersFaktor® zu entdecken und zur gefragten Persönlichkeit zu werden. Mit ihrem Fokus auf Positionierung, Wirkung und authentisches Personal Branding entwickelt sie gemeinsam mit ihren Kund*innen Strategien, einprägsame Botschaften und klare Fahrpläne für Sichtbarkeit und Unverwechselbarkeit. In ihrem Unternehmer*innenClan bietet sie einen Ort, um sich auszuprobieren, zu wachsen und unternehmerisch weiterzuentwickeln. https://www.cornelia-dalsasso.at/ 

4 Fragen an … Marina WEISBAND (Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung)

Marina Weisband, geboren 1987 in der Ukraine, ist Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Heute ist sie weiter politisch aktiv, engagiert sie sich bei den Grünen in den Themenbereichen Digitalisierung und Bildung und kämpft für Kinderrechte. 2020-2022 war sie Co-Vorsitzende des Digitalisierungsvereins D64 e.V.
Sie ist Autorin mehrerer Bücher, z.B. „Wir nennen es Politik – Ideen für eine Zeitgemäße Demokratie“ (2013, Tropen); „Frag uns doch – Ein Jude und eine Jüdin erzählen aus ihrem Leben“ (2020, Fischer, mit Eliyah Havemann), „Was uns durch die Krise trägt“ (2023, wbg, mit Frido Mann) und „Die neue Schule der Demokratie“ (2024, Fischer).

Hauptberuflich gestaltet sie seit 2014 das Projekt aula – inzwischen aula gGmbH – ein Konzept zur politischen Bildung und liquid-demokratischen Beteiligung von Jugendlichen an den Regeln und Angelegenheiten ihrer Schulen und außerschulischen Organisationen (www.aula.de)
Darüber hinaus hat sie eine regelmäßige Radiokolumne beim Deutschlandfunk und berät zu verschiedenen Aspekten von digitalem Wandel und Demokratie. Sie berät Unternehmen und Filmschaffende zu Fragen der Diversität und Beteiligung.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Ich war als Kind eher schüchtern und introvertiert. Erst Rollenspiel hat mir gezeigt, dass ich – in einer Rolle zunächst – auftreten, sprechen, Raum einnehmen kann. Fürs Rollenspiel habe ich Kunst, Handwerk, Nähen angefangen. Und dann konnte ich aus dem spielerischen Raum in den echten gehen und dort glänzen.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Ich wäre froh, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich ADHS habe und nicht „faul“ oder „respektlos“ bin. Mit den richtigen Werkzeugen kann ich mein Leben sogar fast so gut organisieren wie normale Menschen! Vor allem kann ich aber ganz andere Dinge gut. Und das hätte man früher als Stärke begreifen können.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich weiß noch immer nicht, was „Begabung“ ist. Was nützte es mir als Kind, „hochbegabt“ zu sein, wenn ich nicht die Aufmerksamkeitssteuerung hatte, wirklich etwas damit zu erreichen? Ist Begabung mehr wert als Passion und stetige Übung? Und wenn nicht, warum sprechen wir dann über sie?

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Jeder Mensch ist begabt. Wir neigen dazu, das im akademischen Bereich zu sehen und entlang einer eindimensionalen Schiene zu arrangieren – von Gut nach Schlecht. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht begabt war. Und alle diese Begabungen verdienen Förderung. 

4 Fragen an … Pius M. Theiler, Physiker, Ingenieur, Material- und Nanowissenschaftler

Pius M. Theiler hat an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), dem MIT und der ETH Zürich studiert. Als Postdoctoral Researcher forscht er zur Zeit am National Renewable Energy Laboratory in Denver, Colorado, USA.
Als Physiker, Ingenieur und Materialwissenschaftler bewegt er sich an der Schnittstelle zu Mikro- und Quantenwelten. Neben seiner Forschung engagiert er sich für die Vermittlung naturwissenschaftlicher Inhalte und absolviert eine Zweitausbildung zum Gymnasiallehrer für Physik.

Kürzlich wurde ein wissenschaftlicher Durchbruch veröffentlicht, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat (Science, DOI: 10.1126/science.ady4885). Die Studie zeigt, wie das Fehlen von Spiegelsymmetrie in Molekülen und Materialien das Verhalten von Ladungsträgern verändert und dadurch magnetische Effekte entstehen lässt: Ganz ohne die sonst üblichen seltenen Elemente. Diese seltenen Erden haben eine zunehmend strategische Bedeutung, weshalb alternative Mechanismen von grossem Interesse sind.
Bemerkenswert ist, dass die Natur dieses Prinzip offenbar schon lange in biologischen Prozessen nutzt. Erstmals konnte gezeigt werden, dass dieser Effekt extrem schnell abläuft – in weniger als einer Billionstel Sekunde. In seiner Forschung versucht Theiler, den zugrunde liegenden quantenmechanischen Mechanismus zu entschlüsseln, um langfristig Wege zu finden, etwa pharmazeutische Wirkstoffe effizienter und nachhaltiger herzustellen.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend? 

Seit ich denken kann, habe ich die Freiheiten genutzt, die mir gegeben wurden und sie wohl auch manchmal etwas gedehnt, um meinem Entdeckergeist Raum zu geben. Mir wurde immer Vertrauen entgegengebracht, und das hat mir Selbstvertrauen geschenkt.
Ich bin immer dann aufgeblüht, wenn man mich einfach hat machen lassen. So habe ich auf intuitive Weise naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten durch eigene Erfahrungen gelernt. Ich hatte fast immer ein Projekt am Laufen, das mich faszinierte, forderte und mich autodidaktisch weiterbrachte. Wenn die pröbeln einmal nicht ausreichte, war die Gemeindebibliothek direkt gegenüber meinem Elternhaus eine unerschöpfliche Quelle: kein Sachbuch war vor mir sicher. So habe ich mich selbst beschäftigt gehalten, wenn ich in der Schule „zu viel Zeit“ hatte, ohne je das Interesse am Entdecken zu verlieren.
Richtig entfalten konnte ich mich schließlich mit meiner Maturaarbeit. Durch die Unterstützung meiner Physik- und Chemielehrer erhielt ich wertvolle Kontakte zu Expertinnen, Experten und Mentoren an Universitäten.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Im Nachhinein war es wahrscheinlich gut, dass nicht alles zu früh erkannt wurde. So blieb Raum für eigene Wege und Erfahrungen. Gleichzeitig brachte das Anderssein auch Einsamkeit mit sich, wenn meine Fragen oder Gedanken nicht verstanden wurden.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich frage mich oft, wie man Begabung als Ressource steuert: Energie dort einzusetzen, wo sie Wirkung entfaltet, Herausforderungen anzunehmen, die zum persönlichen Wachstum beitragen, und zugleich zu lernen, nicht jede Gelegenheit zu verfolgen, um sich nicht zu verzetteln oder auszubrennen.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Ich beobachte, dass es in der Schweiz im Vergleich zu anderen Kulturen eine starke Orientierung zur Mitte gibt. Diese Haltung hat viele gesellschaftliche Vorteile, kann im schulischen Umfeld jedoch problematisch sein. Konformität führt dazu, dass leistungsschwächere Lernende überfordert sind, während besonders begabte Kinder oft unterfordert und desinteressiert bleiben.
Begabungsförderung lässt sich nicht nach einem festen Rezept gestalten, denn es gibt nicht die eine Form von Begabung. Sie muss nicht aufwändig sein, sollte aber kreativ, individuell und auf die intrinsische Motivation der Lernenden ausgerichtet sein. Wichtiger als reine Leistungsabfrage ist es, Selbstständigkeit und Eigeninitiative zu fördern.
Für Lehrpersonen kann es anspruchsvoll sein, besonders begabte Personen zu begleiten. Es braucht Mut, einzugestehen, wenn man selbst an Grenzen stösst. Gute Begabungsförderung bedeutet, zuzuhören, Orientierung zu geben und Brücken zu anderen Fachpersonen oder Mentoren zu schlagen, die weiteres Wachstum ermöglichen. Manche Lernende haben ein sehr breites Interessenspektrum und hier reicht eine einzelne Bezugsperson oft nicht aus. Doch nichts hemmt Begabung so stark wie ein Umfeld, das durch Konformitätsdruck natürliche Neugier und Entdeckergeist erstickt. So gehen nicht nur Talente verloren, sondern Menschen verlieren auch die Chance, ihr Potenzial wirklich kennenzulernen.