Mut zur Positionierung! – Gastbeitrag von Cornelia dal Sasso

Meine erste Buchhaltung habe ich im Schuhkarton abgegeben. Ich habe mich geschämt, bis ich die Freude meiner Buchhalterin Andrea gesehen hab. Es war, als hätte ich ihr ein Weihnachtsgeschenk überreicht. Ihre Augen leuchten und ich hatte das Gefühl, dass sie es gar nicht erwarten konnte, ihn zu öffnen, die Belege zu sortieren und zu tun, was man eben so macht als Buchhalterin.

„Wie kann man sich nur so über einen Karton voller Belege freuen?!“, fragte ich sie. Sie hat gelacht und gesagt: „Ganz einfach. Schon als Kind habe ich gerne sortiert, geordnet und selbst im größten Chaos den Überblick behalten. Ich liebe das! Für mich ist das ganz leicht und macht echt Spaß!“

In dem Moment war mir klar, dass ich keine bessere Buchhalterin finden würde. Wie gut, dass Andrea sich dieses Talent bewahrt hat. Wie leicht hätte sie sich das ausreden lassen können: „Sortier doch nicht schon wieder alles!“, „Mach mal was Sinnvolles!“, oder: „Nimm dich doch nicht so wichtig mit deiner Ordnungsliebe!“ oder „Schön langsam wirst du echt zum Monk!“
Solche Sätze bekommen viele Kinder zu hören, deren Talente aus dem Rahmen fallen oder unerwünscht sind.

Andrea hat sich davon nicht beirren lassen. Sie hat ihre Freude am Strukturieren behalten und daraus ihr berufliches Zuhause gemacht.

Mut zur Positionierung beginnt genau da:
Bei der ehrlichen Anerkennung dessen, was uns anders macht und wer wir wirklich sind. Andrea hätte sich ja auch denken können: „Sortieren, ordnen, strukturieren – das kann doch jede*r.“ Hat sie aber nicht. Sie hat verstanden, dass genau darin ihr Wert liegt und sie damit Menschen wie mich rettet.

So findest Du den Mut, Dich zu positionieren:

  1. Recherchiere, was Dich anders macht.
    Finde heraus, was Du schon als Kind gut konntest. Frag Deine Familie oder Menschen, die Dich schon lange kennen: Womit habe ich Euch früher überrascht? Was konnte ich, ohne es zu üben?
  2. Finde Orte, an denen Du wertvoll bist.
    Mut braucht Resonanz. Finde Umfelder, in denen Deine Talente gebraucht und geschätzt werden. Das kann ein Netzwerk sein, ein Team, ein Projekt oder eine Community, in der Andersartigkeit als Stärke gilt.
  3. Bezieh Position und nimm sie in Besitz.
    Sag wofür Du stehst, was Du besonders gut kannst und wofür Dich andere kennen sollen.

Positionierung ist keine Angeberei, sondern ein Angebot: Du hilfst Menschen, Dich zu finden, weil Du klar sagst, wofür Du da bist.

Warte nicht bis andere Dich und Deine Talente erkennen. Bestimme selbst und positioniere Dich. Denn damit machst Du nicht nur Dein Leben lebenswerter – Du hilfst auch anderen, ihre Talente zu leben.
Weil sie sich dann nicht mehr mit Schuhkartons voller Belege aufhalten müssen.

Cornelia dal Sasso ist Markenstrategin, Wirkungsprofilerin, Positionierungscoach und Unternehmerin seit 2012. Sie unterstützt Unternehmer*innen und Führungskräfte dabei, ihren unverwechselbaren AndersFaktor® zu entdecken und zur gefragten Persönlichkeit zu werden. Mit ihrem Fokus auf Positionierung, Wirkung und authentisches Personal Branding entwickelt sie gemeinsam mit ihren Kund*innen Strategien, einprägsame Botschaften und klare Fahrpläne für Sichtbarkeit und Unverwechselbarkeit. In ihrem Unternehmer*innenClan bietet sie einen Ort, um sich auszuprobieren, zu wachsen und unternehmerisch weiterzuentwickeln. https://www.cornelia-dalsasso.at/ 

4 Fragen an … Marina WEISBAND (Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung)

Marina Weisband, geboren 1987 in der Ukraine, ist Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Heute ist sie weiter politisch aktiv, engagiert sie sich bei den Grünen in den Themenbereichen Digitalisierung und Bildung und kämpft für Kinderrechte. 2020-2022 war sie Co-Vorsitzende des Digitalisierungsvereins D64 e.V.
Sie ist Autorin mehrerer Bücher, z.B. „Wir nennen es Politik – Ideen für eine Zeitgemäße Demokratie“ (2013, Tropen); „Frag uns doch – Ein Jude und eine Jüdin erzählen aus ihrem Leben“ (2020, Fischer, mit Eliyah Havemann), „Was uns durch die Krise trägt“ (2023, wbg, mit Frido Mann) und „Die neue Schule der Demokratie“ (2024, Fischer).

Hauptberuflich gestaltet sie seit 2014 das Projekt aula – inzwischen aula gGmbH – ein Konzept zur politischen Bildung und liquid-demokratischen Beteiligung von Jugendlichen an den Regeln und Angelegenheiten ihrer Schulen und außerschulischen Organisationen (www.aula.de)
Darüber hinaus hat sie eine regelmäßige Radiokolumne beim Deutschlandfunk und berät zu verschiedenen Aspekten von digitalem Wandel und Demokratie. Sie berät Unternehmen und Filmschaffende zu Fragen der Diversität und Beteiligung.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Ich war als Kind eher schüchtern und introvertiert. Erst Rollenspiel hat mir gezeigt, dass ich – in einer Rolle zunächst – auftreten, sprechen, Raum einnehmen kann. Fürs Rollenspiel habe ich Kunst, Handwerk, Nähen angefangen. Und dann konnte ich aus dem spielerischen Raum in den echten gehen und dort glänzen.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Ich wäre froh, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich ADHS habe und nicht „faul“ oder „respektlos“ bin. Mit den richtigen Werkzeugen kann ich mein Leben sogar fast so gut organisieren wie normale Menschen! Vor allem kann ich aber ganz andere Dinge gut. Und das hätte man früher als Stärke begreifen können.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich weiß noch immer nicht, was „Begabung“ ist. Was nützte es mir als Kind, „hochbegabt“ zu sein, wenn ich nicht die Aufmerksamkeitssteuerung hatte, wirklich etwas damit zu erreichen? Ist Begabung mehr wert als Passion und stetige Übung? Und wenn nicht, warum sprechen wir dann über sie?

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Jeder Mensch ist begabt. Wir neigen dazu, das im akademischen Bereich zu sehen und entlang einer eindimensionalen Schiene zu arrangieren – von Gut nach Schlecht. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht begabt war. Und alle diese Begabungen verdienen Förderung. 

4 Fragen an … Pius M. Theiler, Physiker, Ingenieur, Material- und Nanowissenschaftler

Pius M. Theiler hat an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), dem MIT und der ETH Zürich studiert. Als Postdoctoral Researcher forscht er zur Zeit am National Renewable Energy Laboratory in Denver, Colorado, USA.
Als Physiker, Ingenieur und Materialwissenschaftler bewegt er sich an der Schnittstelle zu Mikro- und Quantenwelten. Neben seiner Forschung engagiert er sich für die Vermittlung naturwissenschaftlicher Inhalte und absolviert eine Zweitausbildung zum Gymnasiallehrer für Physik.

Kürzlich wurde ein wissenschaftlicher Durchbruch veröffentlicht, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat (Science, DOI: 10.1126/science.ady4885). Die Studie zeigt, wie das Fehlen von Spiegelsymmetrie in Molekülen und Materialien das Verhalten von Ladungsträgern verändert und dadurch magnetische Effekte entstehen lässt: Ganz ohne die sonst üblichen seltenen Elemente. Diese seltenen Erden haben eine zunehmend strategische Bedeutung, weshalb alternative Mechanismen von grossem Interesse sind.
Bemerkenswert ist, dass die Natur dieses Prinzip offenbar schon lange in biologischen Prozessen nutzt. Erstmals konnte gezeigt werden, dass dieser Effekt extrem schnell abläuft – in weniger als einer Billionstel Sekunde. In seiner Forschung versucht Theiler, den zugrunde liegenden quantenmechanischen Mechanismus zu entschlüsseln, um langfristig Wege zu finden, etwa pharmazeutische Wirkstoffe effizienter und nachhaltiger herzustellen.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend? 

Seit ich denken kann, habe ich die Freiheiten genutzt, die mir gegeben wurden und sie wohl auch manchmal etwas gedehnt, um meinem Entdeckergeist Raum zu geben. Mir wurde immer Vertrauen entgegengebracht, und das hat mir Selbstvertrauen geschenkt.
Ich bin immer dann aufgeblüht, wenn man mich einfach hat machen lassen. So habe ich auf intuitive Weise naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten durch eigene Erfahrungen gelernt. Ich hatte fast immer ein Projekt am Laufen, das mich faszinierte, forderte und mich autodidaktisch weiterbrachte. Wenn die pröbeln einmal nicht ausreichte, war die Gemeindebibliothek direkt gegenüber meinem Elternhaus eine unerschöpfliche Quelle: kein Sachbuch war vor mir sicher. So habe ich mich selbst beschäftigt gehalten, wenn ich in der Schule „zu viel Zeit“ hatte, ohne je das Interesse am Entdecken zu verlieren.
Richtig entfalten konnte ich mich schließlich mit meiner Maturaarbeit. Durch die Unterstützung meiner Physik- und Chemielehrer erhielt ich wertvolle Kontakte zu Expertinnen, Experten und Mentoren an Universitäten.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Im Nachhinein war es wahrscheinlich gut, dass nicht alles zu früh erkannt wurde. So blieb Raum für eigene Wege und Erfahrungen. Gleichzeitig brachte das Anderssein auch Einsamkeit mit sich, wenn meine Fragen oder Gedanken nicht verstanden wurden.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich frage mich oft, wie man Begabung als Ressource steuert: Energie dort einzusetzen, wo sie Wirkung entfaltet, Herausforderungen anzunehmen, die zum persönlichen Wachstum beitragen, und zugleich zu lernen, nicht jede Gelegenheit zu verfolgen, um sich nicht zu verzetteln oder auszubrennen.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Ich beobachte, dass es in der Schweiz im Vergleich zu anderen Kulturen eine starke Orientierung zur Mitte gibt. Diese Haltung hat viele gesellschaftliche Vorteile, kann im schulischen Umfeld jedoch problematisch sein. Konformität führt dazu, dass leistungsschwächere Lernende überfordert sind, während besonders begabte Kinder oft unterfordert und desinteressiert bleiben.
Begabungsförderung lässt sich nicht nach einem festen Rezept gestalten, denn es gibt nicht die eine Form von Begabung. Sie muss nicht aufwändig sein, sollte aber kreativ, individuell und auf die intrinsische Motivation der Lernenden ausgerichtet sein. Wichtiger als reine Leistungsabfrage ist es, Selbstständigkeit und Eigeninitiative zu fördern.
Für Lehrpersonen kann es anspruchsvoll sein, besonders begabte Personen zu begleiten. Es braucht Mut, einzugestehen, wenn man selbst an Grenzen stösst. Gute Begabungsförderung bedeutet, zuzuhören, Orientierung zu geben und Brücken zu anderen Fachpersonen oder Mentoren zu schlagen, die weiteres Wachstum ermöglichen. Manche Lernende haben ein sehr breites Interessenspektrum und hier reicht eine einzelne Bezugsperson oft nicht aus. Doch nichts hemmt Begabung so stark wie ein Umfeld, das durch Konformitätsdruck natürliche Neugier und Entdeckergeist erstickt. So gehen nicht nur Talente verloren, sondern Menschen verlieren auch die Chance, ihr Potenzial wirklich kennenzulernen.

Editorial zu Ausgabe 05: Novembernebel? Mitnichten!

Das waren nun zwei intensive Wochen: Mit einem inhaltlich beeindruckenden ÖZBF-Kongress in Salzburg, spannenden Kontakten und Begegnungen.
Und mit großer Offenheit für das Thema Begabungs- und Talenteföderung bei allen, die ich dazu anspreche.
Das bringt hier eine Reihe von spannenden Persönlichkeiten und Themen – in dieser Ausgabe und „in der Pipeline“ für die nächsten.

Machen wir mehr daraus. Bleib dran!

Hochbegabung, die — Grammatikalisch ist Hochbegabung weiblich

Über die Autorin: Alexandra Beran arbeitet als Ärztin und als Systemische Beraterin und Therapeutin. Mit ihrer fast 20-jährigen Erfahrung im Bereich Hochbegabung berät sie Einzelpersonen, Familien und Unternehmen zum Thema Hochbegabung. „Hochbegabung in allen Lebenslagen“ ist ihr Motto! Denn Hochbegabung spielt in allen Lebensbereichen eine Rolle. Nicht nur in Schule oder Beruf, sondern auch in der Freizeitgestaltung, Freundeskreis, Medizin, Partnerschaft und manchmal bis hin in die Sexualität.
Alexandra Beran ist gut mit hoch- und höchstbegabten Menschen vernetzt und ihr Netzwerk im Bereich Wirtschaft und Politik wächst stetig. Sie ist Co-Autorin des Buches „Innovationen — Frauen schaffen Zukunft“, und war Studiogast bei „Arte Saloon“ zum Thema Intelligenz. Sie hält Vorträge bei der Bundesagentur für Arbeit in Mainz, dem Zentrum für Lehrerbildung in Kaiserslautern, in Kliniken, bei der Friedrich-Naumann Stiftung u.v.m. www.alexandra-beran.de 

Stellen Sie sich vor, Sie werden zu einer Veranstaltung von und mit hochbegabten Menschen eingeladen. Sie überlegen, wem sie dort begegnen werden, welche Gesprächsthemen es wohl geben wird und vielleicht ist Ihnen auch ein kleines
bisschen mulmig zumute, bei dem Gedanken, dass da so viele hochintelligente Menschen anwesend sein werden. Sie betreten den Raum und er ist voll mit… Frauen!
Hätten Sie das erwartet?

Warum hochbegabte Frauen oft unsichtbar bleiben
Die Intelligenz ist bei Männern und Frauen etwa gleich verteilt und doch treten hochbegabte Frauen weniger in Erscheinung. Woran liegt das?
Zum einen verbindet die Gesellschaft Intelligenz eher mit dem männlichen Geschlecht. Möglicherweise weil Männer sich mehr zeigen. Besonders deutlich nehmen wir Hochbegabung bei Quizshows wahr. Und nahezu alle Profi-Quizzer sind männlich.

Zum anderen ist Anpassung ein großes Thema. Anpassung an die Norm. Das heisst, das schnelle Denken zügeln, die Sprechgeschwindigkeit drosseln, Small Talk halten, etc.
Das ist natürlich nicht nur bei Frauen so, aber sie können aufgrund sozialer Rollenbilder oder Erziehung wahre Meisterinnen der Anpassung sein. In extremen Fällen wissen sie gar nicht, wie und wer sie selbst wirklich sind. Und da sie es gewohnt sind, sich schon ab der Kindergarten- und Grundschulzeit ihrem Gegenüber stets anzupassen, fällt es ihnen selbst überhaupt nicht mehr auf.

Weniger Anpassung, mehr Sichtbarkeit!
Anpassung ist sehr energieraubend und kann über Jahre hinweg zu massiver Erschöpfung, dem gleichzeitigen Auftreten von Boreout und Burnout oder sogar zu
Depressionen führen.

Hinzu kommt, wenn hochbegabte Frauen stets angepasst sind, sind sie mit ihrer Hochbegabung für andere Menschen, sogar auch für andere Hochbegabte, nahezu unsichtbar und sie werden als merkwürdig oder seltsam wahrgenommen. Das ist fatal! Denn es ist für alle Menschen, egal ob hochbegabt oder nicht, wichtig, im passenden Umfeld zu sein, um Zugehörigkeit zu erleben, ihr Potenzial entfalten zu können und um soziale und emotionale Anbindung zu erfahren.
Deshalb ist es zwingend notwendig, um die eigene Hochbegabung zu wissen, dies gilt für alle Geschlechter. Es hat positive Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche, sowie die körperliche und psychische Gesundheit.

Hochbegabte Menschen sind anders in ihrer Wahrnehmung, Geschwindigkeit, Intensität, Denken, etc. Sie weichen damit von der Mehrheit ab. Das ist nicht schlechter oder besser. So wie sie sind, sind sie völlig in Ordnung, sie gehören
lediglich einer Minderheit an. Sich dessen bewusst zu sein ist wichtig. Denn es erklärt, weshalb sie manchmal nicht verstanden werden, z.B. in ihren Werten, Planungen, Ideen…
Wenn sie sich dieses Andersseins bewusst sind, erklärt sich fast schon von selbst, weshalb manche Handlungen als anstrengend oder unangenehm empfunden und dann vermieden werden oder weshalb es vielleicht zu Missverständnissen kommt.

Ein neues Leben!
Wenn sich Frauen ihrer Hochbegabung bewusst sind, können sie so manches aus einer anderen Perspektive betrachten. Situationen, Kommentare, Erlebnisse, die zuvor vielleicht als abwertend, bloßstellend oder schwächend wahrgenommen wurden, können nun anders eingeordnet werden. Es gibt ein Erklärmodell dafür und damit verlieren solche Erlebnisse ihre schwächende Wirkung. Selbstzweifel schwinden, wenn ein Austausch mit anderen hochbegabten Frauen möglich ist.

Oftmals starten Frauen nach der Entdeckung ihrer Hochbegabung beruflich richtig durch. Entweder im vorhandenen Job oder sie beginnen etwas völlig Neues. Sie haben dann mehr Energie zur Verfügung, weil sie sich Räume und das passende Umfeld schaffen können, wo keine Anpassung notwendig ist — wo sie „sein“ dürfen, einfach so wie sie sind. Dies und noch einiges mehr trägt dazu bei, dass Frauen ein anderes Bewusstsein für sich entwickeln können und mehr Selbstwirksamkeit erfahren können. Die positiven Auswirkungen sind auch in der Familie spürbar, so können Mütter, die sich mit ihrer eigenen Hochbegabung gründlich auseinandergesetzt haben, ihre Kinder besser bei den Herausforderungen mit deren Hochbegabung unterstützen.

Wie können wir hochbegabte Frauen und Mädchen erkennen? Und wie können hochbegabte Frauen sich selbst erkennen?
Jeder Mensch ist einzigartig, das gilt auch für hochbegabte Menschen. Nichts desto trotz sind es oftmals Kleinigkeiten und wenn diese sich häufen, sollte man an eine unerkannte Hochbegabung denken.

Hier einige Beispiele:
• Ein wacher, lebhafter Blick
• Gedanklich oft einen oder mehrere Schritte voraus sein, bei Planungen oder in Diskussionen
• Schnelles Sprechen, Gedankensprünge
• Viele Dinge gleichzeitig im Blick haben, beruflich und privat
• Viele oder konträre Hobbies oder Interessensgebiete
• Hohe Ansprüche an sich selbst und andere
• Neugierig, im Sinne von vielseitig interessiert sein
• Dinge ganz genau wissen wollen
• Smalltalk können, aber nicht mögen; lieber tief gehende Gespräche
• Sich selbst als widersprüchlich wahrnehmen oder von anderen so wahrgenommen werden
• Hochbegabte Familienmitglieder
• Routinetätigkeiten kosten viel Kraft und ermüden, z.B. Hausarbeit

Es lohnt sich, seinen IQ zu kennen!
Ist er in der Norm, ist es wunderbar.
Ist er außerhalb der Norm, sollten wir reden 😉

EDITORIAL zu Ausgabe 04: Name für Talentierte, Dank und Bitte(n)

„Die Url verlangt einiges Talent beim Merken von schwierigen Buchstabenkombinationen und Konzentration beim Eintippen“ schrieb kürzlich die Tageszeitung „DER STANDARD“ vor einiger Zeit über XLNTTLNT.net.
Warum ich das trotzdem gewählt habe? Weil es unique ist. Und weil es etwas mehr Eleganz versprüht als EXCELLENTTALENT. 😉

Wieder sind 2 Wochen um und eine neue Ausgabe des Newsletters ist erschienen. Diesmal nehme ich dich mit „hinter die Kulissen“: Seit ich mit dem Projekt begonnen habe, lerne ich laufend neue Themen, Institutionen und Personen kennen, und ich lerne laufend dazu. Das ist toll und ein publizistisches Privileg. Ich bin allen dankbar, die mit mir hier kommunizieren – Forscher:innen, Autor:innen, oft auch Personen aus Pressestellen. Sie alle bemühen sich sehr, liefern Inhalte, schlagen Fotos vor, beantworten Fragen und klären Fakten. Manchmal dauert es einige Zeit, aber oft geht das ziemlich rasch und zackig. Liebe Kolleg:innen, liebe Beitragende: VIELEN DANK!

Das Besondere bei dieser Form von Newsletter ist, dass die meisten Inhalte zwar NEU und AKTUELL sind, aber auch eine gewisse Lebensdauer aufweisen.
Wenn du hier NEU bist, dann schau gerne auch mal in die vorigen Ausgaben rein. Besonders mag ich die Interviews mit spannenden Menschen über ihre Begabungen. Mittlerweile hat sich eine kleine Sammlung von unterschiedlichen Perspektiven ergeben. Danke fürs Mitmachen, fürs Dabeisein, fürs Lesen, für Feedbacks und für die Verbreitung (like & share & forward).

Das Foto oben zeigt übrigens den Großen Galtenberg im Tiroler Alpbachtal. Auf ihn zu wandern ist auch eine Challenge, aber wunderschön!

4 Fragen an … Rotraud Perner, Juristin, Psychotherapeutin/ Psychoanalytikerin, evangelische Theologin

Rotraud A. Perner ist eine österreichische Juristin, Psychotherapeutin/Psychoanalytikerin, evangelische Theologin und Hochschulpfarrerin im Ehrenamt. Ihr neuestes Buch „Die Parsifal-Frage“ über die Auflösung von Hass und Hochaggressionen über Attentäter und Anschläge ist soeben erschienen. Sie hat es gemeinsam mit ihrem Sohn Roman A. Perner verfasst. Weiterhin ist sie als Therapeutin und Vortragende tätig.
www.perner.info  (Foto: Robin Perner)

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Ab 1975, als ich mit 31 Jahren als Juristin meine erste Beratungsstelle gegründet habe und darauf kam, dass ich erfolgreicher erklären und beraten kann als die Sozialarbeiter:innen.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Dass man mir mehr Gelegenheit zum Reden und Bereitschaft zum Zuhören bieten sollte – weil es nicht meine Art ist, ums Wort zu kämpfen (heute noch immer).

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Als mein Berufsanliegen:  Wie kann ich vernachlässigten oder überforderten Menschen Anstoß und Modelle liefern, damit sie ihr Potenzial prosozial verwirklichen können.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Anderen Menschen – besonders den neurodivergenten – wertschätzend zu begegnen – man weiß „auf die Schnelle“ nie, welches Leid und welche Schätze in ihnen stecken. Das erfordert Zeit – und die lohnt sich (zumindest in der Ersparnis von Krankheitskosten).

 

 

 

4 Fragen an … Rebecca Gischel, Künstlerin

Rebecca Gischel ist eine Münchner Künstlerin, die mit Medien wie abstrakter Malerei und interaktiver Installationskunst arbeitet. Ihre Werke kreisen um Themen wie Trost, Resonanz und Verbundenheit und öffnen Räume, in denen das Geheimnis der Existenz spürbar wird. Gezeigt wurden sie unter anderem beim Ars Electronica Festival in Linz sowie bei weiteren internationalen Ausstellungen. Sie versteht Kunst als Möglichkeit, existenzielle Fragen aufzuwerfen und Menschen darüber zu verbinden.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Von meiner Hochbegabung habe ich erst relativ spät, mit 33 Jahren, erfahren. Dieses Wissen hat mir in meinem künstlerischen und literarischen Schaffen viel Selbstvertrauen geschenkt. Noch wichtiger jedoch war mein Professor im Masterstudium 2013 in Schottland, der meine künstlerischen Fähigkeiten erkannte und sehr stark förderte. Er gewährte mir über den vorgegebenen Rahmen des Studiengangs hinaus alle Freiheiten, um meine Kunst zu finden, zu entwickeln und zu entfalten. Mit meiner Abschlussarbeit, einer interaktiven Kunstinstallation, wurde ich 2013 vom Ars Electronica Festival eingeladen – der Startschuss für meine berufliche künstlerische Laufbahn.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Auf der einen Seite hätte es mir damals wahrscheinlich sehr geholfen, wenn meine Hochbegabung frühzeitig erkannt und gefördert worden wäre. Das bestehende Schulsystem habe ich als sehr beengend empfunden – ich hatte das Gefühl, dass es meine Entfaltung und Inspiration eher verhinderte als förderte. Deshalb verweigerte ich mich und rebellierte dagegen, ohne zu wissen, warum ich so schlecht in das standardisierte System passte. Auf der anderen Seite bin ich heute auch sehr dankbar, dass ich so lange nichts von meiner Hochbegabung wusste und von außen nicht entsprechend gefördert wurde. So habe ich gelernt, mir immer einen freien Blick auf Normen, Systeme und Gesellschaft zu bewahren und mir darin zu vertrauen – selbst wenn ich damit alleine dastehe. Für mich als Künstlerin ist das essenziell.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Immer wieder stelle ich mir die Frage nach Verantwortung: Welche Verantwortung geht mit dem Geschenk der Hochbegabung einher? Wie kann man ihr gerecht werden, was kann man der Welt zurückgeben? Und wird man damit je „fertig“?

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Ich wünsche mir, dass wir offener für die individuellen Begabungen und Seinsweisen der Menschen werden – und dass unsere Schulsysteme und Arbeitsumgebungen so gestaltet sind, dass jeder seine Fähigkeiten frei entfalten kann. Dabei denke ich nicht nur an Hochbegabung, sondern auch an jede Form von Neurodivergenz. Denn neben ihren Herausforderungen kann jede Andersartigkeit auch große Geschenke für die Gesellschaft bergen – wenn diese den Mut hat, die nötigen Freiheiten einzuräumen.