Wer als talentiert gilt, ist auch eine Frage der sozialen Herkunft

Ein Gastbeitrag von Rebecca Caric und Sarah Riedenbauer, Autorinnen des Buchs „Soziale Herkunft“ (erschienen bei Springer Essentials)

++++

Denken Sie einen Moment über die folgende Frage nach: „What’s classy if you’re rich and trashy if you’re poor?“

Die Frage wirkt zunächst wie ein pointierter Social-Media-Satz. Tatsächlich legt sie einen grundlegenden Mechanismus sozialer Ungleichheit offen: Wir bewerten nicht nur, was jemand tut, sondern auch, wem wir dieses Verhalten zuschreiben. Derselbe Sprachstil kann als souverän oder ordinär gelten, dieselbe Freizeitgestaltung als exzentrisch oder geschmacklos, dieselbe Erwerbsunterbrechung als selbstbestimmte Auszeit oder als mangelnde Disziplin.

Die Vorstellung, jede Person könne allein durch genügend Willen alles erreichen, würdigt Leistung und verspricht Selbstwirksamkeit. Problematisch wird sie dort, wo ungleiche Ausgangsbedingungen unsichtbar bleiben. Menschen verfügen nicht über dieselbe Zeit, dieselbe finanzielle Absicherung oder dieselbe Kenntnis von Bildungs- und Karrierewegen. Auch Fehler haben unterschiedliche Folgen: Was für die einen ein korrigierbarer Umweg ist, kann für andere eine existenzielle Krise bedeuten.

Dieser Blick relativiert persönliche Leistung nicht. Er macht vielmehr sichtbar, unter welchen Bedingungen sie erbracht wird. Chancengerechtigkeit heißt daher nicht, Anforderungen aufzugeben. Dennoch sollten wir genauer hinsehen ob beispielsweise ein Kriterium für eine Ausbildung oder Tätigkeit tatsächlich erforderlich ist oder ob vor allem die Vertrautheit mit bestimmten sozialen oder kulturellen Codes belohnt wird.

Wie relevant diese Frage für die Arbeitswelt ist, zeigt die 2025 veröffentlichte Studie der Arbeiterkammer Wien zu Klassismuserfahrungen. Klassismus bezeichnet die Abwertung, Benachteiligung oder Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen sozialen Position. Die Befragten nannten im Durchschnitt fünf Lebensbereiche, in denen sie entsprechende Erfahrungen gemacht hatten. In diesem Kontext hervorzuheben: Das Arbeitsleben wurde mit 61 Prozent besonders häufig genannt.

Bildungseinrichtungen und Unternehmen entscheiden durch ihre Kriterien, welches Potenzial sichtbar wird. Wird ein Auslandsaufenthalt als Initiative gelesen, ohne zu fragen, wer ihn finanzieren konnte? Gilt souveräne Selbstdarstellung als Führungspotenzial, obwohl sie auch Ergebnis früher Übung sein kann? Werden ungewöhnliche Bildungswege als Risiko oder als Lernfähigkeit bewertet?

Organisationen können gegensteuern, indem sie kompetenzorientiert auswählen, nicht linerare Bildungswege nicht vorschnell als Defizit bewerten und Zugänge zu Mentoring, Qualifizierung und Netzwerken öffnen.

Vertiefung: Springer-Essential „Soziale Herkunft“

Das Springer-Essential „Soziale Herkunft“ ordnet soziale Herkunft als häufig übersehene Diversitätsdimension ein. Es erklärt zentrale Begriffe und Wirkmechanismen, beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Herkunft, Bildung und Arbeitswelt und zeigt Ansatzpunkte für Organisationen auf, die soziale Durchlässigkeit systematischer gestalten möchten.

Habt immer im Kopf: Soziale Herkunft entscheidet.

+++

Terminhinweis:

Wer die Diskussion über soziale Herkunft, Chancengerechtigkeit und wirksames Diversity Management vertiefen möchte, ist herzlich zu re:think diversity eingeladen: zum Kongress am 21. Oktober 2026 und zu den Workshops am 22. Oktober 2026.

4 Fragen an … Hannah Fluch, Schülerin der HTL Spengergasse in Wien

Hannah Fluch ist 18 Jahre alt (Juli 2026), Schülerin der HTL Spengergasse und Präsidentin des Hochbegabtenprogramms ihrer Schule.
Neben der Schule realisiert sie eigene Projekte mit Unternehmen im Bereich KI und CyberSecurity und hält Vorträge bei Kongressen zu diesen Themen. International ist sie Teil des österreichischen Nationalteams bei der European Cybersecurity Challenge (9. Platz 2025) und gewann u.a. die Finals der Austrian Cybersecurity Challenge 2025 und den Bundeswettbewerb für Künstliche Intelligenz 2024.
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/hannahfluch/ ; GitHub: https://github.com/hannahfluch

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Fluch: Angefangen hat es mit Physikbüchern – am Anfang des Gymnasiums habe ich einfach angefangen, mich in Themen reinzulesen, die mich interessiert haben, ohne dass das jemand von mir verlangt hätte. Mit 12 habe ich dann zu programmieren begonnen, und ab da hat sich mein Interesse immer stärker in diese Richtung entwickelt. Den größten Sprung habe ich aber gemacht, als ich in der HTL Spengergasse plötzlich von Leuten umgeben war, die ähnliche Interessen hatten wie ich. Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und gemeinsam an Projekten zu arbeiten, war der Punkt, an dem sich meine Begabung wirklich entfalten konnte.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Fluch: Meine Eltern haben das eigentlich immer gut gemacht – sie haben mir Freiraum gegeben, eigenen Interessen nachzugehen. Bei manchen Lehrer:innen war das früher anders, da gab es öfter den Versuch, mich in eine bestimmte Richtung zu drängen, statt meine Begeisterung für Naturwissenschaften und Technik einfach ernst zu nehmen. In der HTL ist das schon deutlich besser geworden, auch wenn es die eine oder andere Bevormundung noch gibt. Ich glaube, es hätte insgesamt geholfen, wenn früher mehr Vertrauen da gewesen wäre, dass ich selbst am besten weiß, was für mich passt.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Fluch: Mich beschäftigt die Frage, ob man Begabte eher zur Spezialisierung ermutigen sollte oder ob es wichtiger ist, ihnen möglichst viele unterschiedliche Eindrücke zu ermöglichen. Bei mir hat sich das Interesse selbst verschoben – früher war es Physik, jetzt ist es IT – und ich frage mich, ob genau dieser Wechsel nur möglich war, weil ich nicht zu früh auf einen Bereich festgelegt wurde.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Fluch: Für mich war der entscheidende Faktor, mit Leuten mit ähnlichen Interessen umgeben zu sein. Begabungsförderung sollte deshalb nicht nur bei Inhalten oder Programmen ansetzen, sondern vor allem Räume schaffen, in denen sich Gleichgesinnte finden können – das war für mich wertvoller als jedes einzelne Angebot.

 

Ausgabe 19: Medienpioniere

In den Mailings und Seminaren nennen uns die die Mitarbeiter:innen des forum journalismus und medien wien (fjum) „Medienpioniere“.
Das fjum organisiert u.a. die Seminare und Weiterbildung  für Mediengründer:innen, die im Rahmen der Wiener Medieninitiative eine Förderung erhalten haben. Hier habe ich Bernhard Odehnal wieder getroffen, der sein regionales Medienprojekt „Zwischenbrücken“ gestartet hat – hauptberuflich, mit einem kompakten Team und tagesaktuell. Gewissermaßen gegensätzlich zu meinem Newsletter, der für mich ein „job enrichment“ bedeutet.

Was wir beide wollen: Journalismus weiter denken, neue Zielgruppen und Themen mit neuen Zugängen erreichen. Informieren, inspirieren, motivieren und auch unterhalten.
Sehr „nischig“ in meinem Fall, regional in seinem. Grund genug, ihm diesmal meine vier Fragen zu stellen.
Mögen Medien vielfältig sein wie Begabungen! Pioniergeist hilft in beiden Fällen.

4 Fragen an … Bernhard Odehnal, Gründer des Online-Mediums „Zwischenbrücken“

Bernhard Odehnal stammt aus Wien, studierte Slawistik und arbeitete als Korrespondent für österreichische und Schweizer Medien in den Balkanländern und in Osteuropa. Zuletzt war er Mitglied des Investigativ-Teams beim Schweizer Medienkonzern „Tamedia“ in Zürich. Im Frühjahr 2025 gründete er in Wien ein lokales Online-Medium für den 2. und 20. Bezirk namens „Zwischenbrücken“. Im Mai 2026 erschien Zwischenbrücken auch als gedrucktes Magazin.  www.zwischenbruecken.at

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Odehnal: Ich bin mir keinerlei besonderer Begabung oder Talent bewusst. Deshalb wüsste ich auch nicht, was sich wann oder warum hätte entfalten können. 

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Odehnal: „Manche Lehrer hassen Kinder prinzipiell. Bei dieser Disposition ist die Berufswahl originell“ (Aus dem Lied „Mittelschulkatheder“ von Christoph & Lollo. Die beiden gingen in dasselbe Wiener Gymnasium und hatten dieselben Lehrer wie ich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen). 

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Odehnal: Was genau ist Begabung? Wie viel kann erlernt oder erarbeitet werden? Was ist vererbt und was in der Persönlichkeit angelegt? Ich weiß es einfach nicht.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Odehnal: Dass es immer noch ein sehr kleiner Kreis von Menschen ist, der das Privilegium genießt, gezielt gefördert zu werden. Wer als Kind das Pech hat, aus der falschen Bevölkerungsschicht zu kommen, mit Eltern, die sich gar nicht um Talente kümmern können und wer dann in Wien oder einer anderen Großstadt in einer Mittelschule landet, dessen Begabungen werden mit großer Wahrscheinlichkeit nie entdeckt.  

4 Fragen an … Theresa („Theri“) Hornich, ehemalige Eishockeytorhüterin und Psychologin

Theri Hornich ist ehemalige Eishockey-Torfrau auf internationalem Spitzenniveau und absolvierte zahlreiche Einsätze für das Österreichische Nationalteam, unter anderem bei Weltmeisterschaften und Olympiaqualifikationen. Parallel zu ihrer sportlichen Karriere absolvierte sie ein Studium der Sportwissenschaften und Psychologie. Heute führt sie eine eigene Praxis mit den Schwerpunkten Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie sowie Sportpsychologie und begleitet Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung.
www.kjf-psychologie.at (demnächst online)

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Hornich: Meine sportlichen Talente konnte ich bereits als Kind entfalten – getragen von Spaß, Ehrgeiz und einem Umfeld, das sowohl Leistung als auch Entwicklung gezielt gefördert hat. Im Studium kam eine zweite Phase dazu, in der ich durch Selbstorganisation und die Freiheit, mich mit meinen Interessensgebieten zu beschäftigen, mein Potenzial weiterentwickeln konnte – besonders, weil ich meinen eigenen Weg gestalten und mich unabhängig von festen Strukturen selbst verwirklichen durfte.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Hornich: Dass Entwicklung nicht linear und für alle gleich verläuft. Außerdem, dass Stärken sehr unterschiedlich sein können und oft erst sichtbar werden, wenn man nicht ständig bewertet wird.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Hornich: Wie viel von Begabung ist angelegt – und wie viel entsteht erst durch Gelegenheit und Umfeld? Und wie viele Talente bleiben unentdeckt, weil sie nicht ins klassische System passen?

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Hornich: Mehr Raum für Vielfalt statt Einheitsmaßstäbe: Menschen entfalten sich am besten dort, wo Fehler erlaubt sind und individuelle Stärken bewusst in den Mittelpunkt gestellt werden.

Ausgabe 15: Dabei sein und gestalten

Starke Tagen in München erlebten rund 1.700 Gäste beim Jahrestreffen von Mensa in Deutschland. Der Interviewgast in dieser Ausgabe, Antje Diller-Wolf, war mit dabei. In Lilienfeld in Niederösterreich wiederum sprachen interessierte Pädagoginnen und Pädagogen über „begabende Schulen“, darüber berichtet mit Wolfgang Ellmauer einer der maßgeblichen Organisatoren. Danke für die Beiträge!
Wenn auch Du Themenvorschläge und Inputs hast, freuen wir uns darauf!

MACHEN WIR MEHR DARAUS!

4 Fragen an … Antje Diller-Wolff, Journalistin und Trainerin

Antje Diller-Wolff ist studierte Medien- und Sprachwissenschaftlerin und bekannt als Moderatorin, Live-Reporterin, Autorin und Sprecherin für Medien wie ZDF (37 Grad), arte (arte:Re), Spiegel TV und NDR. Sie leitet das Team von shs medien und wurde vom Bundeswirtschaftsministerium als Vorbild-Unternehmerin ausgezeichnet. Sie war Dozentin an der Nanyang University Singapore am Lehrstuhl für Journalistik und Kommunikationswissenschaften und lehrt heute an der Macromedia-Hochschule Hamburg und Berlin die Fächer Journalistik und Kommunikationskompetenzen.
Sie trainiert bundesweit PolitikerInnen und Führungskräfte für öffentliche Auftritte und moderiert bundesweit Veranstaltungen, Tagungen und Podien in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Bildung. Antje Diller-Wolff ist außerdem ausgebildet am internationalen Centrum für Begabungsforschung als Coach für Hochbegabte. Sie ist seit zehn Jahren Mitglied bei Mensa und Intertel. Ehrenamtlich leitet sie einen Infokreis Hochbegabung für Eltern, Lehrkräfte und Pädagoginnen, hält Vorträge und macht Schulungen für Lehrerkollegien.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Diller-Wolff: Als die Schule endlich vorbei war. Ich hatte ein miserables Abi von 3,4 nach einer furchtbaren Mobbing-Schulzeit und war selten im Unterricht. Mit einem Praktikum beim lokalen Radiosender entdeckte ich meine absolute Leidenschaft. Zum ersten Mal habe ich mich für etwas zerrissen.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Diller-Wolff: Verstehen eher. Was das Mobbing und Nicht-Gesehen-werden mit einem Kind macht. Warum ich so viel hinterfragt habe. Ich wollte niemanden ärgern. Nur viel wissen und klären. Meine Familie (die mit Sicherheit alle hochbegabt waren) haben an mir nichts ungewöhnliches feststellen und unterstützen können.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Diller-Wolff: Warum selbstverständlich musikalische und sportliche Begabungen krass gefördert und unterstützt werden und diese Förderung gesellschaftlich absolut anerkannt wird. Intelligenz nicht.  

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Diller-Wolff: Die Pädagoginnen und Pädagogen in den Kitas müssen geschult und alert sein. Sie sind im Bestfall die ersten, die Eltern darauf aufmerksam machen, dass ein Kind nicht der Norm entspricht. Die Karg-Stiftung in Deutschland beispielsweise schult Fachkräfte und sensibilisiert. Und es muss auch da und unmittelbar in der Grundschule verfügbares Forder-Material geben. Differenzierung beginnt bitte schon in der Kita.

4 Fragen an … Toni Kronke, stv. Geschäftsführer Teach For Austria

Toni Kronke ist Teil des Gründerteams und stv. Geschäftsführer bei Teach For Austria. 2009 schloss er sich dem ersten Fellow-Jahrgang bei Teach First Deutschland an und ist seitdem innerhalb der internationalen Bildungsbewegung Teach For All aktiv. Vor seinem Wechsel in den Bildungsbereich arbeitete Toni in Projekten u.a. in Brasilien im Bereich Capacity Building, Partizipation und demokratische Entwicklung. In Deutschland arbeitete er für Entwicklungsorganisationen mit Schwerpunkt Migration/Brain Drain, war für Bürgerradios tätig und startete Kultur- und Filmfestivals. Toni studierte angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim mit Schwerpunkt Medien und strategische Kommunikation sowie Audiovisuelle Technologie an der ESMAE in Porto/Portugal.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Kronke: Immer dann, wenn ich die Freiheit hatte, ganz ich selbst sein und mich meinen eigenen Interessen widmen zu können.  

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Kronke: Auf Lehrer:innen bezogen: Ich werde immer den Status quo infrage stellen. Damit konnten die allerwenigsten Lehrer:innen umgehen. Und darum war Schule kein Ort der Entfaltung für mich. Dagegen habe ich rebelliert.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Kronke: Unser Schulsystem teilt Kinder schon mit 10 Jahren in unterschiedlichen Schulformen auf. Um Begabung geht es bei dieser Aufteilung oft nicht. Viel mehr um den Bildungsstand, den sozioökonomischen Hintergrund und die Herkunft der Eltern. Innerhalb dieses Schulsystems bleiben so viele Potentiale einfach unentdeckt und auf der Strecke. Das müssen wir ändern, im Interesse von uns allen.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Kronke: Begabtenförderung wird als Nischenthema behandelt. Als Gesellschaft sollte es uns aber wichtig sein, dass Menschen ihre Begabungen voll entfalten und damit ihre eigene und  die Zukunft von uns allen positiv gestalten können. Lehrkräfte und Pädagog:innen sind ein großer Teil des Puzzles, aber wir alle sind dafür verantwortlich.

Portrait Gerlinde Heil - Foto: Manfred Baumann

Erfahrungsbericht: Neurodivergent Leadership in der Praxis – von Gerlinde Heil

Gerlinde Heil, Didaktikerin, Gründerin und CEO von Science Pool, einem privaten Bildungsunternehmen (KMU mit 50-60 Angestellten), das sich mit MINT-Vermittlung befasst. Das Angebot umfasst Schulworkshops im Haus Science Pool, Freizeitpädagogik, Ferienprogramme und Events österreichweit. 

Eigentlich wurde der Science Pool gegründet, um die Interessen begabter Kinder und Jugendlicher zu fördern. Dabei gibt und gab es Schnittstellen mit weiteren Neurodivergenzen – besonders AD(H)S und Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die Grenzen sind, wenn sie überhaupt existieren, fließend. Eine „Kochrezeptmethodik“ gibt es nicht. Allerdings funktioniert eine gewissermaßen „gemeinsame Sprache“: Als selber Neurodivergente ist es schon recht viel einfacher, neurodivergente Kinder zu unterrichten, zu coachen, zu interessieren.
Als diese Kinder älter wurden, suchten sie Jobs. Und blieben auch während des Studiums im Science Pool als Vermittlungspersonen.

Das ist mittlerweile schon lange her, die damaligen Studierenden sind in ihren Brotberufen gelandet, die Arbeit im Science Pool ist kein Job mehr – was geblieben ist: Ich leite ein Unternehmen als Neurodivergente, das viele Neurodivergente angestellt hat und viele Neurodivergente unterrichtet.
Dass Unterschiede in der Form der Zusammenarbeit bestehen, wird mir nur selten bewusst. Die Hierarchien sind sehr flach, kaum erkennbar und fluid. Sie beruhen auf Spezialistentum. Andererseits greifen alle unsere Tätigkeiten, Events, Projekte, Kinderkurse, Workshops auf den gleichen Personenpool zu, daher kann jeder alles. Allerdings eben nicht immer gleich gut oder gleich gerne.

Hier muss die Einsicht in die Notwendigkeit bestehen, und auch darin, dass die Erfahrungen einer Person, die etwas nicht gern macht, für alle anderen sehr hilfreich sind. Wesentlich ist auch das Wissen um und die Akzeptanz der Besonderheit aller anderen: Offenheit ist eine Bring- und Holschuld. Leistung allerdings auch. Manchmal kommt bei einigen Personen die Leistungskurve in Wellen, das ist gut zu integrieren, wenn man es weiß und kennt und auch die betroffene Person damit gut umgeht. Oft helfen schon kleine Anpassungen der Arbeitsumgebung – Geräusche, visuelle Achsen, Kernzeiten.
Umso weniger das Team durch unnötige Kleinigkeiten belastet ist, umso lieber arbeitet es. Eustress leitet besser als ein Chef.
Allerdings „kracht“ es schon auch. Und gerade intelligente Menschen können gut abschätzen, wo es weh tut. Kritik tut immer weh, besonders klugen Leuten tut sie meist besonders weh. Viele sind nicht daran gewöhnt, Fehler zu machen, das alles weiß ich natürlich auch aus eigener Erfahrung: Wer viel arbeitet, macht auch entsprechend mehr Fehler. Und es interessiert mich im Normalfall nicht, wer den Fehler macht, sondern dass er kein zweites Mal passiert.

Wesentlich ist einerseits ein hohes Maß an Toleranz, andererseits auch, die Grenze zwischen Toleranz und Gefährdung zu definieren. Notfalls täglich neu.

Fazit: Eine „Kochrezeptkommunikation“ mit Mitarbeitenden gibt es auch nicht. Aber auch hier funktioniert die gewissermaßen „gemeinsame Sprache“. Und Diversität ist bei uns Norm.
Mikromanagement funktioniert unter Neurodivergenten nicht besonders gut – auch, weil ich es selber nicht gern ausübe. Der größere Frei- und Gestaltungsraum unterstützt bei den meisten auch ihren Willen, Verantwortung zu übernehmen, auch und vor allem für Kinder, die auf Grund ihrer Interessen und Besonderheiten auch besondere Förderung brauchen.
Als neurodivergente Person Rücksicht der anderen Teammitglieder zu verlangen, bloß weil man neurodivergent ist, funktioniert im Kontext unserer Tätigkeiten allerdings nicht pauschal. Neurodivergenzen nutzbringend einzusetzen, allerdings schon – niemand muss darunter leiden, schnell zu denken!

4 Fragen an … Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende Infineon Technologies Austria AG

DI Dr.in Sabine Herlitschka, MBA ist seit April 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG. Zuvor war sie in der industriellen Biotech‑Forschung tätig, verantwortete internationale Forschungs‑ und Technologiekooperationen und ‑finanzierung (u. a. bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft/FFG) und wirkte als Gründungs‑Vizerektorin der Medizinischen Universität Graz. Forschungsaufenthalte an US‑Institutionen und ein Fulbright‑Stipendium runden ihren Werdegang ab. Aktuell engagiert sie sich u. a. als Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung, Aufsichtsrätin der ÖBAG und im Wissenschaftlichen Beirat des Forschungszentrums Jülich. 2025 erhielt sie den Schumpeter‑Preis.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Herlitschka: Rückblickend dort, wo ich Neugier in konkrete Wirkung übersetzen konnte. Ich hatte früh gute Bildungszugänge – aber entscheidend war die Erkenntnis, dass Wissen kein Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung entfaltet. Forschung, Technologie und später Führung haben mir dafür den Rahmen gegeben. Ausschlaggebend waren Menschen, die mir Vertrauen, Verantwortung und Ambition zugleich gegeben haben

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Herlitschka: Dass ich am stärksten lerne, wenn Theorie und Blick auf deren mögliche Anwendungen besser zusammenfinden – und das projekt- oder themenorientiert und mit hohem Anspruch. Und dass Unterschiedlichkeiten in Teams mir Energie geben: verschiedene Blickwinkel, kontroverse Debatten – Fordern und Fördern als gemeinsamer Nenner.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Herlitschka: Wie schaffen wir es, Begabung früh zu erkennen, Breite zu fördern und gleichzeitig Exzellenz konsequent zu entwickeln – ohne ideologische Scheindebatten? Die eigentliche Frage ist nicht entweder Chancengerechtigkeit oder Spitzenförderung, sondern wie wir beides systemisch verzahnen. Andere Länder zeigen, dass frühe Talentidentifikation und Leistungsdifferenzierung in Verbindung mit Forschung und Wirtschaft wirken.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Herlitschka: Begabtenförderung ist kein Elitenthema, sondern eine strategische Frage für den Innovations‑ und Wirtschaftsstandort Europa. Wenn wir im globalen Wettbewerb bestehen wollen, brauchen wir mehr Tempo, mehr Tiefe und mehr Exzellenz – in Forschung, Technologie und Industrie. Das gelingt nur, wenn wir außergewöhnliche Talente früh erkennen und ihnen bestmögliche Rahmenbedingungen bieten. Breite Bildungszugänge schaffen Potenzial, aber Exzellenz entscheidet über Innovationsfähigkeit.