4 Fragen an … Marina WEISBAND (Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung)

Marina Weisband, geboren 1987 in der Ukraine, ist Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Heute ist sie weiter politisch aktiv, engagiert sie sich bei den Grünen in den Themenbereichen Digitalisierung und Bildung und kämpft für Kinderrechte. 2020-2022 war sie Co-Vorsitzende des Digitalisierungsvereins D64 e.V.
Sie ist Autorin mehrerer Bücher, z.B. „Wir nennen es Politik – Ideen für eine Zeitgemäße Demokratie“ (2013, Tropen); „Frag uns doch – Ein Jude und eine Jüdin erzählen aus ihrem Leben“ (2020, Fischer, mit Eliyah Havemann), „Was uns durch die Krise trägt“ (2023, wbg, mit Frido Mann) und „Die neue Schule der Demokratie“ (2024, Fischer).

Hauptberuflich gestaltet sie seit 2014 das Projekt aula – inzwischen aula gGmbH – ein Konzept zur politischen Bildung und liquid-demokratischen Beteiligung von Jugendlichen an den Regeln und Angelegenheiten ihrer Schulen und außerschulischen Organisationen (www.aula.de)
Darüber hinaus hat sie eine regelmäßige Radiokolumne beim Deutschlandfunk und berät zu verschiedenen Aspekten von digitalem Wandel und Demokratie. Sie berät Unternehmen und Filmschaffende zu Fragen der Diversität und Beteiligung.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Ich war als Kind eher schüchtern und introvertiert. Erst Rollenspiel hat mir gezeigt, dass ich – in einer Rolle zunächst – auftreten, sprechen, Raum einnehmen kann. Fürs Rollenspiel habe ich Kunst, Handwerk, Nähen angefangen. Und dann konnte ich aus dem spielerischen Raum in den echten gehen und dort glänzen.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Ich wäre froh, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich ADHS habe und nicht „faul“ oder „respektlos“ bin. Mit den richtigen Werkzeugen kann ich mein Leben sogar fast so gut organisieren wie normale Menschen! Vor allem kann ich aber ganz andere Dinge gut. Und das hätte man früher als Stärke begreifen können.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich weiß noch immer nicht, was „Begabung“ ist. Was nützte es mir als Kind, „hochbegabt“ zu sein, wenn ich nicht die Aufmerksamkeitssteuerung hatte, wirklich etwas damit zu erreichen? Ist Begabung mehr wert als Passion und stetige Übung? Und wenn nicht, warum sprechen wir dann über sie?

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Jeder Mensch ist begabt. Wir neigen dazu, das im akademischen Bereich zu sehen und entlang einer eindimensionalen Schiene zu arrangieren – von Gut nach Schlecht. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht begabt war. Und alle diese Begabungen verdienen Förderung. 

4 Fragen an … Pius M. Theiler, Physiker, Ingenieur, Material- und Nanowissenschaftler

Pius M. Theiler hat an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), dem MIT und der ETH Zürich studiert. Als Postdoctoral Researcher forscht er zur Zeit am National Renewable Energy Laboratory in Denver, Colorado, USA.
Als Physiker, Ingenieur und Materialwissenschaftler bewegt er sich an der Schnittstelle zu Mikro- und Quantenwelten. Neben seiner Forschung engagiert er sich für die Vermittlung naturwissenschaftlicher Inhalte und absolviert eine Zweitausbildung zum Gymnasiallehrer für Physik.

Kürzlich wurde ein wissenschaftlicher Durchbruch veröffentlicht, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat (Science, DOI: 10.1126/science.ady4885). Die Studie zeigt, wie das Fehlen von Spiegelsymmetrie in Molekülen und Materialien das Verhalten von Ladungsträgern verändert und dadurch magnetische Effekte entstehen lässt: Ganz ohne die sonst üblichen seltenen Elemente. Diese seltenen Erden haben eine zunehmend strategische Bedeutung, weshalb alternative Mechanismen von grossem Interesse sind.
Bemerkenswert ist, dass die Natur dieses Prinzip offenbar schon lange in biologischen Prozessen nutzt. Erstmals konnte gezeigt werden, dass dieser Effekt extrem schnell abläuft – in weniger als einer Billionstel Sekunde. In seiner Forschung versucht Theiler, den zugrunde liegenden quantenmechanischen Mechanismus zu entschlüsseln, um langfristig Wege zu finden, etwa pharmazeutische Wirkstoffe effizienter und nachhaltiger herzustellen.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend? 

Seit ich denken kann, habe ich die Freiheiten genutzt, die mir gegeben wurden und sie wohl auch manchmal etwas gedehnt, um meinem Entdeckergeist Raum zu geben. Mir wurde immer Vertrauen entgegengebracht, und das hat mir Selbstvertrauen geschenkt.
Ich bin immer dann aufgeblüht, wenn man mich einfach hat machen lassen. So habe ich auf intuitive Weise naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten durch eigene Erfahrungen gelernt. Ich hatte fast immer ein Projekt am Laufen, das mich faszinierte, forderte und mich autodidaktisch weiterbrachte. Wenn die pröbeln einmal nicht ausreichte, war die Gemeindebibliothek direkt gegenüber meinem Elternhaus eine unerschöpfliche Quelle: kein Sachbuch war vor mir sicher. So habe ich mich selbst beschäftigt gehalten, wenn ich in der Schule „zu viel Zeit“ hatte, ohne je das Interesse am Entdecken zu verlieren.
Richtig entfalten konnte ich mich schließlich mit meiner Maturaarbeit. Durch die Unterstützung meiner Physik- und Chemielehrer erhielt ich wertvolle Kontakte zu Expertinnen, Experten und Mentoren an Universitäten.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Im Nachhinein war es wahrscheinlich gut, dass nicht alles zu früh erkannt wurde. So blieb Raum für eigene Wege und Erfahrungen. Gleichzeitig brachte das Anderssein auch Einsamkeit mit sich, wenn meine Fragen oder Gedanken nicht verstanden wurden.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Ich frage mich oft, wie man Begabung als Ressource steuert: Energie dort einzusetzen, wo sie Wirkung entfaltet, Herausforderungen anzunehmen, die zum persönlichen Wachstum beitragen, und zugleich zu lernen, nicht jede Gelegenheit zu verfolgen, um sich nicht zu verzetteln oder auszubrennen.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Ich beobachte, dass es in der Schweiz im Vergleich zu anderen Kulturen eine starke Orientierung zur Mitte gibt. Diese Haltung hat viele gesellschaftliche Vorteile, kann im schulischen Umfeld jedoch problematisch sein. Konformität führt dazu, dass leistungsschwächere Lernende überfordert sind, während besonders begabte Kinder oft unterfordert und desinteressiert bleiben.
Begabungsförderung lässt sich nicht nach einem festen Rezept gestalten, denn es gibt nicht die eine Form von Begabung. Sie muss nicht aufwändig sein, sollte aber kreativ, individuell und auf die intrinsische Motivation der Lernenden ausgerichtet sein. Wichtiger als reine Leistungsabfrage ist es, Selbstständigkeit und Eigeninitiative zu fördern.
Für Lehrpersonen kann es anspruchsvoll sein, besonders begabte Personen zu begleiten. Es braucht Mut, einzugestehen, wenn man selbst an Grenzen stösst. Gute Begabungsförderung bedeutet, zuzuhören, Orientierung zu geben und Brücken zu anderen Fachpersonen oder Mentoren zu schlagen, die weiteres Wachstum ermöglichen. Manche Lernende haben ein sehr breites Interessenspektrum und hier reicht eine einzelne Bezugsperson oft nicht aus. Doch nichts hemmt Begabung so stark wie ein Umfeld, das durch Konformitätsdruck natürliche Neugier und Entdeckergeist erstickt. So gehen nicht nur Talente verloren, sondern Menschen verlieren auch die Chance, ihr Potenzial wirklich kennenzulernen.

Talent so what? Ein Feiertag zum Nachdenken

Am 24. November ist einer dieser „kuriosen Feiertage“: Der Feier-dein-einzigartiges-Talent-Tag/Celebrate Your Unique Talent Day. Wie viele andere dieser Feiertage ist er eine willkürliche Setzung (aber sind das staatliche oder kirchliche Festtage nicht auch in gewisser Weise?).

Ein Talent-Tag regt einerseits zum Schmunzeln an, aber vielleicht auch zum Austausch untereinander: Was ist Dein besonderes Talent – und was möchtest du gerne perfektionieren?
2026 fällt der Tag auf einen Dienstag und wird dann vielleicht auch bei/von uns mit spannenden Veranstaltungen begangen.

Inspiration delivered – eine Planungshilfe für 2026

TEDx ist eine weltweite Bewegung von Freiwilligen, die an den verschiedensten Locations inspirierende Speaker-Events organisiert. Nach dem Motto „ideas worth spreading“ gibt es im kommenden Jahr von Bozen über Schaan, Luxemburg, Göttingen … dutzende Events im gesamten deutschsprachingen Raum (und hunderte weltweit).

Hier die Landkarte zur leichteren Planung – vielleicht lässt sich ein Städtetrip mit einem TEDx-Besuch verbinden!

In der Zwischenzeit ist auch die Library früherer TED Talks eine (kostenlose) Fundgrube.

Neue Publikation: Künstliche Intelligenz in der schulischen Begabtenförderung (Karg Stiftung)

Ende Oktober veröffentlichte die Karg Stiftung die 56seitige, kostenlose Publikation „Künstliche Intelligenz in der schulischen Begabtenförderung – neue Fördermöglichkeiten, neue Herausforderungen“ (Link zur Website/Download).

In einem ersten Teil befassen sich die beiden Autoren Olaf Steenbuck (Karg Stiftung) und Andreas Terfloth (Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Hamburg) gemeinsam mit den Grundlagen; dabei betrachten sie KI aus dem fachlichen Blickwinkel der Begabungs- und Begabtenförderung. Nutzerinnen und Nutzer lernen – aufbauend auf ihr individuelles Basiswissen zur Anwendung von KI im Bildungswesen – fokussiert die fachliche Perspektive der Begabtenförderung kennen.
In die Praxis geht es dann im zweiten Teil der Publikation, die von Andreas Terfloth gestaltet wurde. Das umfasst einsatzfertige Materialien und Chatbots sowie zusammenfassende Informationsblätter.

Von Andreas Terfloth stammt auch der begleitende Fachartikel „Neue Möglichkeiten durch KI im begabungsfördernden Unterricht: Impulse für die Praxis.

Was Spezialbegabung und Höchstleistung anzieht: Recruiting beim CERN

XLNTTLNT.net hat beim CERN in Genf nachgefragt, worauf dort bei Bewerbungen für wissenschaftliche Positionen besonders geachtet wird.
Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte und Kriterien der oft mehrstufigen Auswahlprozesse:

Junge Wissenschafter:innen in Fellowships, Student oder Doctoral programmes erhalten besonders strukturiertes Training, die Möglichkeit ihre Ergebnisse entsprechend zu publizieren und die Chance zur Teilnahme an globalen wissenschaftlichen Kooperationen. Für viele ist das die Basis für eine langjährige erfolgreiche Karriere an Universitäten, Forschungseinrichtungen oder Unternehmen.

Am CERN setzt man beim Recruiting auf wissenschaftliche Exzellenz, technische Fähigkeiten und Teamfähigkeit und bei jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftern besonders auf Motivation und Wissbegierde. Dabei kommt ein multidisziplinäres Auswahlkomitee zum Einsatz. Bewerberinnen und Bewerber können sich u.a. darauf einstellen, dass ihre Publikationen und Projektbeiträge reviewed werden, sie zu Präsentationen ihrer letzten Arbeiten eingeladen werden und Referenzen überprüft werden. Video-Interviews, Tests und die Lösung von Fallbeispielen gehören teilweise auch dazu.
Mit dem Auswahlkomitee diskutieren die Bewerberinnen und Bewerber auch ihre künftigen wissenschaftlichen Interessen und Vorhaben. Außerdem wird die Team- und Kollaborationsfähigkeit evaluiert. Denn die Arbeit erfolgt in diversen und multikulturell geprägten Teams. Fachliche Exzellenz ist die Basis, darüber hinaus sind die Offenheit das Wissen zu teilen, Teamfähigkeit, Neugier und die Fähigkeit zu kreativen Problemlösungen wichtig.

Wer aufgenommen ist, profitiert vom Mentoring durch erfahrene Wissenschafterinnen und Wissenschafter, Zugang zu Weiterbildung (technisch und persönlichkeitsbildend), wissenschaftlichen Konferenzen und Workshops.

4 Fragen an … Walter Werzowa (österreichisch-amerikanischer Komponist, Audio-Branding-Pionier und Professor an der mdw)

Univ.-Prof. Walter Werzowa ist ein österreichisch-amerikanischer Komponist, Audio-Branding-Pionier und Professor an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er komponierte unter anderem das ikonische Intel-Logo („Intel Bong“), Filmmusik in Hollywood und Beethovens 10. Symphonie mithilfe von KI. Mit seinem Projekt HealthTunes verbindet er Musik, Wissenschaft und Technologie zu evidenzbasierter „MusicMedicine“. Mehr zu Walter Werzowa hier.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Ich habe sehr lange an meinen Fähigkeiten gezweifelt. Ich habe mich stets mit den Besten an der Universität verglichen – und es gibt in jedem Fach immer jemanden, der besser ist.
Trotzdem wusste ich immer, dass ich im musikalischen Umfeld tätig sein will und werde. Rückblickend kann ich sagen, dass gerade diese Zweifel ein großer Antrieb für mich waren.
Ich wünsche jedoch allen Leserinnen und Lesern, dass sie früher Frieden mit ihren eigenen Talenten schließen können.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Meine Eltern waren immer sehr fördernd, und anspornend, ich wünschte mir sie hätten mit mir musiziert.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir nicht nach Perfektion suchen sondern nach Freude in der Umsetzung und dem eigenen Talent finden. Wir müssen auch Raum für “creative accidents” lassen.
Diese ermöglichen oft Quantum Sprünge in der Kreativität.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Für mich ist hier das Wichtigste dass wir vom Werten und beurteilen ablassen. Im Zuge der Beurteilung wird vor allem hier mit Europa oft “shaming” eingesetzt dass für Selbstvertrauen und Kreativität so gut wie tödlich ist.
Hier sollten Lehrer, Professoren und Eltern sich selbst analysieren ob sie manchmal unterschwellig diese Waffe einsetzen.

 

Hochbegabung, die — Grammatikalisch ist Hochbegabung weiblich

Über die Autorin: Alexandra Beran arbeitet als Ärztin und als Systemische Beraterin und Therapeutin. Mit ihrer fast 20-jährigen Erfahrung im Bereich Hochbegabung berät sie Einzelpersonen, Familien und Unternehmen zum Thema Hochbegabung. „Hochbegabung in allen Lebenslagen“ ist ihr Motto! Denn Hochbegabung spielt in allen Lebensbereichen eine Rolle. Nicht nur in Schule oder Beruf, sondern auch in der Freizeitgestaltung, Freundeskreis, Medizin, Partnerschaft und manchmal bis hin in die Sexualität.
Alexandra Beran ist gut mit hoch- und höchstbegabten Menschen vernetzt und ihr Netzwerk im Bereich Wirtschaft und Politik wächst stetig. Sie ist Co-Autorin des Buches „Innovationen — Frauen schaffen Zukunft“, und war Studiogast bei „Arte Saloon“ zum Thema Intelligenz. Sie hält Vorträge bei der Bundesagentur für Arbeit in Mainz, dem Zentrum für Lehrerbildung in Kaiserslautern, in Kliniken, bei der Friedrich-Naumann Stiftung u.v.m. www.alexandra-beran.de 

Stellen Sie sich vor, Sie werden zu einer Veranstaltung von und mit hochbegabten Menschen eingeladen. Sie überlegen, wem sie dort begegnen werden, welche Gesprächsthemen es wohl geben wird und vielleicht ist Ihnen auch ein kleines
bisschen mulmig zumute, bei dem Gedanken, dass da so viele hochintelligente Menschen anwesend sein werden. Sie betreten den Raum und er ist voll mit… Frauen!
Hätten Sie das erwartet?

Warum hochbegabte Frauen oft unsichtbar bleiben
Die Intelligenz ist bei Männern und Frauen etwa gleich verteilt und doch treten hochbegabte Frauen weniger in Erscheinung. Woran liegt das?
Zum einen verbindet die Gesellschaft Intelligenz eher mit dem männlichen Geschlecht. Möglicherweise weil Männer sich mehr zeigen. Besonders deutlich nehmen wir Hochbegabung bei Quizshows wahr. Und nahezu alle Profi-Quizzer sind männlich.

Zum anderen ist Anpassung ein großes Thema. Anpassung an die Norm. Das heisst, das schnelle Denken zügeln, die Sprechgeschwindigkeit drosseln, Small Talk halten, etc.
Das ist natürlich nicht nur bei Frauen so, aber sie können aufgrund sozialer Rollenbilder oder Erziehung wahre Meisterinnen der Anpassung sein. In extremen Fällen wissen sie gar nicht, wie und wer sie selbst wirklich sind. Und da sie es gewohnt sind, sich schon ab der Kindergarten- und Grundschulzeit ihrem Gegenüber stets anzupassen, fällt es ihnen selbst überhaupt nicht mehr auf.

Weniger Anpassung, mehr Sichtbarkeit!
Anpassung ist sehr energieraubend und kann über Jahre hinweg zu massiver Erschöpfung, dem gleichzeitigen Auftreten von Boreout und Burnout oder sogar zu
Depressionen führen.

Hinzu kommt, wenn hochbegabte Frauen stets angepasst sind, sind sie mit ihrer Hochbegabung für andere Menschen, sogar auch für andere Hochbegabte, nahezu unsichtbar und sie werden als merkwürdig oder seltsam wahrgenommen. Das ist fatal! Denn es ist für alle Menschen, egal ob hochbegabt oder nicht, wichtig, im passenden Umfeld zu sein, um Zugehörigkeit zu erleben, ihr Potenzial entfalten zu können und um soziale und emotionale Anbindung zu erfahren.
Deshalb ist es zwingend notwendig, um die eigene Hochbegabung zu wissen, dies gilt für alle Geschlechter. Es hat positive Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche, sowie die körperliche und psychische Gesundheit.

Hochbegabte Menschen sind anders in ihrer Wahrnehmung, Geschwindigkeit, Intensität, Denken, etc. Sie weichen damit von der Mehrheit ab. Das ist nicht schlechter oder besser. So wie sie sind, sind sie völlig in Ordnung, sie gehören
lediglich einer Minderheit an. Sich dessen bewusst zu sein ist wichtig. Denn es erklärt, weshalb sie manchmal nicht verstanden werden, z.B. in ihren Werten, Planungen, Ideen…
Wenn sie sich dieses Andersseins bewusst sind, erklärt sich fast schon von selbst, weshalb manche Handlungen als anstrengend oder unangenehm empfunden und dann vermieden werden oder weshalb es vielleicht zu Missverständnissen kommt.

Ein neues Leben!
Wenn sich Frauen ihrer Hochbegabung bewusst sind, können sie so manches aus einer anderen Perspektive betrachten. Situationen, Kommentare, Erlebnisse, die zuvor vielleicht als abwertend, bloßstellend oder schwächend wahrgenommen wurden, können nun anders eingeordnet werden. Es gibt ein Erklärmodell dafür und damit verlieren solche Erlebnisse ihre schwächende Wirkung. Selbstzweifel schwinden, wenn ein Austausch mit anderen hochbegabten Frauen möglich ist.

Oftmals starten Frauen nach der Entdeckung ihrer Hochbegabung beruflich richtig durch. Entweder im vorhandenen Job oder sie beginnen etwas völlig Neues. Sie haben dann mehr Energie zur Verfügung, weil sie sich Räume und das passende Umfeld schaffen können, wo keine Anpassung notwendig ist — wo sie „sein“ dürfen, einfach so wie sie sind. Dies und noch einiges mehr trägt dazu bei, dass Frauen ein anderes Bewusstsein für sich entwickeln können und mehr Selbstwirksamkeit erfahren können. Die positiven Auswirkungen sind auch in der Familie spürbar, so können Mütter, die sich mit ihrer eigenen Hochbegabung gründlich auseinandergesetzt haben, ihre Kinder besser bei den Herausforderungen mit deren Hochbegabung unterstützen.

Wie können wir hochbegabte Frauen und Mädchen erkennen? Und wie können hochbegabte Frauen sich selbst erkennen?
Jeder Mensch ist einzigartig, das gilt auch für hochbegabte Menschen. Nichts desto trotz sind es oftmals Kleinigkeiten und wenn diese sich häufen, sollte man an eine unerkannte Hochbegabung denken.

Hier einige Beispiele:
• Ein wacher, lebhafter Blick
• Gedanklich oft einen oder mehrere Schritte voraus sein, bei Planungen oder in Diskussionen
• Schnelles Sprechen, Gedankensprünge
• Viele Dinge gleichzeitig im Blick haben, beruflich und privat
• Viele oder konträre Hobbies oder Interessensgebiete
• Hohe Ansprüche an sich selbst und andere
• Neugierig, im Sinne von vielseitig interessiert sein
• Dinge ganz genau wissen wollen
• Smalltalk können, aber nicht mögen; lieber tief gehende Gespräche
• Sich selbst als widersprüchlich wahrnehmen oder von anderen so wahrgenommen werden
• Hochbegabte Familienmitglieder
• Routinetätigkeiten kosten viel Kraft und ermüden, z.B. Hausarbeit

Es lohnt sich, seinen IQ zu kennen!
Ist er in der Norm, ist es wunderbar.
Ist er außerhalb der Norm, sollten wir reden 😉

EDITORIAL zu Ausgabe 04: Name für Talentierte, Dank und Bitte(n)

„Die Url verlangt einiges Talent beim Merken von schwierigen Buchstabenkombinationen und Konzentration beim Eintippen“ schrieb kürzlich die Tageszeitung „DER STANDARD“ vor einiger Zeit über XLNTTLNT.net.
Warum ich das trotzdem gewählt habe? Weil es unique ist. Und weil es etwas mehr Eleganz versprüht als EXCELLENTTALENT. 😉

Wieder sind 2 Wochen um und eine neue Ausgabe des Newsletters ist erschienen. Diesmal nehme ich dich mit „hinter die Kulissen“: Seit ich mit dem Projekt begonnen habe, lerne ich laufend neue Themen, Institutionen und Personen kennen, und ich lerne laufend dazu. Das ist toll und ein publizistisches Privileg. Ich bin allen dankbar, die mit mir hier kommunizieren – Forscher:innen, Autor:innen, oft auch Personen aus Pressestellen. Sie alle bemühen sich sehr, liefern Inhalte, schlagen Fotos vor, beantworten Fragen und klären Fakten. Manchmal dauert es einige Zeit, aber oft geht das ziemlich rasch und zackig. Liebe Kolleg:innen, liebe Beitragende: VIELEN DANK!

Das Besondere bei dieser Form von Newsletter ist, dass die meisten Inhalte zwar NEU und AKTUELL sind, aber auch eine gewisse Lebensdauer aufweisen.
Wenn du hier NEU bist, dann schau gerne auch mal in die vorigen Ausgaben rein. Besonders mag ich die Interviews mit spannenden Menschen über ihre Begabungen. Mittlerweile hat sich eine kleine Sammlung von unterschiedlichen Perspektiven ergeben. Danke fürs Mitmachen, fürs Dabeisein, fürs Lesen, für Feedbacks und für die Verbreitung (like & share & forward).

Das Foto oben zeigt übrigens den Großen Galtenberg im Tiroler Alpbachtal. Auf ihn zu wandern ist auch eine Challenge, aber wunderschön!

4 Fragen an … Dieter-Michael Grohmann (Regisseur, Autor, Filmemacher, Multimediakünstler und Unternehmer)

1963 in Wien geboren, studierte Dieter-Michael Grohmann Rechtswissenschaften sowie Werbung in Österreich, Management in der Schweiz und Film u.a. an der New York Film Academy (USA). Er betreibt die Filmproduktion und Unternehmens-/ Kommunikationsberatung „beyond by DMG“; weiters unterrichtet er u.a. Kreativität an einer internationalen Business School. Seine Filme gewannen mehr als 250 internationale Awards. Augenzwinkernd meint er, er sei wohl der unbekannteste Prominente aus Österreich. Aktuelles Buch: “Kroatische Elegien

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Eigentlich war ich seitdem ich denken kann schöpferisch tätig. Da dies in einer Familie in der Kunst maximal als Hobby, aber nicht als ernsthaft erachtet oder gefördert wurde, verblieb fast alles privat wie eine Fingerübung. Später in verschiedensten Berufen wie Citymarketing, Politikberatung und selbst Unternehmenskommunikation wollte fast alles nicht verstanden werden und daher nicht umgesetzt. Gefragt war nicht Kreativität und “Out-Of-The-Box” Kommunikation, sondern allgemeine, angepasste Administration. Erst nach der Entsendung 2005 nach Belgien zu einem europäischen Verband (u.a., weil man mit mir als Unangepasstem in Österreich nichts anzufangen wußte) konnte ich mich entfalten und unter einem weitsichtigen Mentor Multimediaevents und visuelle Narrative umsetzen. Eines diese Projekte (“How it feels to be an entrepreneur”) hatte binnen 3 Tagen mehr als 7.500 Besucher in Brüssel und im Jahr darauf in Barcelona mehr als 10.000 Besucher im gleichen Zeitraum. Plötzlich wurde ich als kreativ und als genial gehandelt. Als der Mentor pensioniert wurde, klang dies sukzessive ab und bald galt ich als irgendetwas zwischen Spinner und Künstler. Dabei halte ich mich selbst weder als Spinner noch als besonders kreativ. Ausschlaggebend für die Entfaltung war ein persönliches Grundvertrauen und ein von der Hierarchie gewährter Safe-Space. Was ich u.a. vom Spiel Tetris gelernt habe, ist: wer sich perfekt einfügt, verschwindet als Individuum – und somit sind herausragende Ergebnisse kaum möglich.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Gott hat uns Arme und Beine gegeben um zu gestikulieren und eine Stimme um zu schreien. Und was heißt es in der Schule? Still sitzen und Maul halten. Es geht auch nicht darum seinen Namen zu tanzen, sondern das Individuum zu erkennen und zu fördern. Das ist unbequem. Ein Zitat eines ehemaligen Arbeitgebers, welches von einem Wohlwollenden an mich weitergereicht wurde? “Dieter ist echt gut, aber er weiß es (noch) nicht. Daher müssen wir ihn jetzt brechen und so umbauen, dass er uns nützt ohne es zu begreifen.” Ich rebellierte damals nicht wirklich gegen das System, obwohl dieses und deren Entourage mich zwar erkannte, aber mein “Coming-out” nachhaltig behinderte, statt es zu nutzen – bis der Damm gebrochen ist und ans Licht mußte, was ans Licht mußte. Auf der anderen Seite bin ich heute auch sehr dankbar, dass ich so lange von außen nicht entsprechend gefördert wurde. So habe ich einen freien Blick auf Systeme und die Gesellschaft bewahrt und geschärft. Für mich als Künstler und mehr noch als Mensch ist das Prinzip Freiheit essenziell.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Ich halte mich wie gesagt nicht für besonders begabt oder kreativ, sondern nur für weitgehend frei denkend. Ich sehe vieles von mehreren Blickwinkeln und damit wird eine eindimensionale Gesellschaft und ihre gefängnisartigen Systeme sehr drei- und sogar vierdimensional. Dadurch werden sie als inferior lächerlich entlarvt. Die Hauptfrage ist: Wieviel Zeit ist mir noch gegeben meine Projekte auch gegen Widerstände umzusetzen – und wie komme ich an die Finanzierung ran, die dazu nötig ist. (Stichwort Echokammer Filmförderungssysteme und es wundert mich immer mehr wie viele tatsächlich grottenschlechte Projekte teilweise höchst gefördert werden – bzw. wundert es mich auch nicht wirklich.)

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
In einer globalen Gesellschaft, die ideologisch immer enger wird, frage ich mich wie es möglich sein kann individuellen Begabungen jene Freiheiten einzuräumen, die diese brauchen. Im Zeitalter der unbeweglichen Schützengräben der Cancle-Culture einerseits und der trotzigen Gegen-Cancle-Culture sehe ich nur den “Untergrund des Geistes” als Chance für eine Zeit nach der Exklusivität der Förderung jener, die das System weiterbauen und beschützen. Begabung muss frei sein und darf nicht von der einen oder anderen Seite vereinnahmt werden. Aber für eine Person mit einem Hammer sieht alles aus wie ein Nagel, wie Neil Postman schreibt. Man muss jedenfalls bereit sein für diese Stunde Null, in der wieder alles möglich ist – sofern es gut, richtig und wahr ist, ein Geschenk für die Menschheit und Humanität und nicht mehr “just another brick in the wall.”