Buchrezension/Medientipp: „Homo Universus“ (Matthias Strolz) – Aktuelle Antworten eines Suchenden

… von Thomas GOISER

 

Mitte August erschien „Homo Universus“ des früheren Politikers und heutigen Beraters, Coaches und Speakers Matthias Strolz im Buchverlag Edition Platin. Dieser Homo Universus ist resilient, kooperativ, mit dem Ganzen verbunden und entwickelt in einer von globalen krisenhaften Entwicklungen und #KI geprägten Welt seine Begabungen. Er appelliert: „Wir sind aufgerufen, uns selbst in all unseren Dimensionen zu erkennen und zu entfalten“, denn „wo deine Talente und die Bedürfnisse der Zeit sich kreuzen, liegt deine Begabung“, zitiert Strolz Sokrates.

Einerseits enthält das Buch die umfassende Selbstoffenbarung des Autors, andererseits die Anleitung zum Selbstcoaching mit über 30 „Integrationsimpulsen“ im Sinne eines Buffets. Wer Seminare von Matthias Strolz und/oder frühere Bücher von ihm kennt, findet einiges davon in Kurzfassung wieder.

Strolz fordert eine zweite Aufklärung mit einem holistischen Lebensverständnis unter Anwendung der Erkenntnisse der Systemwissenschaften. Zwischendurch erfolgen rasche, nachvollziehbare Ebenenwechsel – vom Selbst bis zur Begegnung mit dem Nächsten und der globalen Entwicklung.

Originell – und verfolgenswert – sind die Gedanken über eine Weiterentwicklung Europas, eine neue globale Organisation, die besser als die UNO funktioniert, und einen weltweiten Feiertag. Den Abschluss macht ein Plädoyer für „Creative Love“. Umso besser, denn wir sind alle miteinander verbunden.

Fazit: Ein Praxisbuch für persönliches Wachstum und ein Appell, sich gemeinsam auf den globalen (Veränderungs-)Weg zu machen. Mögen das auch Menschen außerhalb unseres Kulturraums und unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung so sehen, sobald das Buch auf Englisch erschienen ist!

Der Autor Matthias Strolz ist ist ein österreichischer Unternehmer, Autor und ehemaliger Politiker (Gründer der Partei NEOS). Strolz engagiert sich auch als Präsident der Österreichisch-Liechtensteinischen Gesellschaft.

GASTBEITRAG von Sumaya Fahrner: Wenn Sprache zum Experimentierfeld wird – Poesie in der Schule

Wie der Poesieclub Wortspiel Schüler:innen dabei unterstützt, ihre Stimme zu finden

Manchmal braucht es gar nicht viel. Einen Raum, ein paar Wörter. Und die Erlaubnis, sie auf seine ganz eigene Weise zusammenzusetzen. Genau daraus entstand unser Poesieclub MÜHO (Münichholz) Wortspiel– ein Talenteförderangebot für Schüler:innen jeder Schulstufe, die Freude am kreativen Schreiben haben oder neugierig darauf sind, Sprache einmal anders kennenzulernen. Dabei ging es nie darum, perfekte Gedichte zu schreiben. Vielmehr wollten wir einen Raum schaffen, in dem Jugendliche Sprache als Ausdrucksmittel erleben können.
Warum Poesie?
Im regulären Deutschunterricht begegnen Schüler:innen Gedichten häufig analytisch: Sie untersuchen Reime, Stilmittel oder Interpretationen. Und sogar das kommt an den Mittelschulen oft viel zu kurz. Und dann fehlt auch noch oft der Bezug. Die meisten haben noch nie ein Gedicht gehört (außer: eine Maus kommt ins Haus). Und wer von den Kindern und Jugendlichen, die Deutsch als Zweitsprache lernt, soll denn eine hundert Jahre alte Sprache verstehen, wenn das schon für Deutsch – Erstsprachler schwierig ist. Und wer bitte ist dieser Göthe-Typ?

Im Poesieclub wollten wir den Blick umdrehen. Nicht zuerst fragen: “Was wollte der Autor vor 200 Jahren sagen?” Sondern: “Was möchtest DU sagen?” Die Kinder und Jugendlichen lernten immer eine bestimmte poetische Form kennen – vom Elfchen über Haikus bis hin zur konkreten Poesie – und nutzten diese als Ausgangspunkt für eigene Texte. Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Zugänge: spielerische, humorvolle, nachdenkliche und manchmal auch überraschend persönliche Texte.

Talentförderung beginnt mit Interesse

Der Poesieclub war als offenes Talenteförderangebot ausgeschrieben. Zu Beginn nahmen viele Schüler:innen teil. Im Laufe des Semesters kristallisierte sich jedoch eine kleinere Gruppe heraus, die regelmäßig wiederkam und mit großer Begeisterung schrieb. Gerade darin zeigt sich für mich ein wichtiger Aspekt von Begabungsförderung: Ich finde, Talente zeigen sich nicht ausschließlich durch außergewöhnliche Leistungen. Sie zeigen sich oft dort, wo Menschen freiwillig Zeit investieren, neugierig bleiben und sich immer weiter vertiefen möchten.
Denn Interesse ist häufig der Anfang von Begabung.

Kreativität mit Struktur

Obwohl im Poesieclub viel Freiheit möglich war, arbeiteten wir nicht ohne Rahmen. Jede Einheit stellten wir eine neue Schreibform oder einen kreativen Impuls vor.
Diese Struktur half den Jugendlichen, eigene Ideen zu entwickeln, ohne dass ihnen
vorgeschrieben wurde, worüber sie schreiben sollten.
Die Form gab Orientierung, der Inhalt blieb persönlich.
Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Texte – über Freundschaft, Sommer,
Tiere, Angst, Hoffnung oder den eigenen Alltag.

Elfchen

Kirche
Groß, Kreuz
Lieder werden gesungen
wegen meiner verstorbenen Oma
Leise

Ängste
Mobbing, Nadeln
schlagen, stehen, schupsen
Renn! Hilfe, traurig, allein
Stopp

Haikus

Himbeeren im Wald
sie schmecken nach Ferien
leicht süß, rot und rund

Das starke Stürmen
Donner, Blitz, Wind um die Ohren
Unterm Dach versteckt

Lernen sichtbar machen

Den Abschluss bildete unser Wörterfall, eine Installation aus den entstandenen Texten. Beim Schulfest konnten Eltern, Lehrkräfte und andere Schüler:innen die Gedichte lesen. So wurde sichtbar, was im Laufe des Semesters entstanden war – und gleichzeitig erfuhren die Kinder und Jugendlichen, dass ihre Gedanken und Texte einen Platz im öffentlichen Raum bekommen dürfen.

Der Poesieclub hat mir erneut gezeigt, wie viel Kreativität in jungen Menschen steckt, wenn wir ihnen Zeit, Vertrauen und geeignete Räume geben. Kreatives Schreiben fördert dabei weit mehr als sprachliche Kompetenzen. Es stärkt Selbstwirksamkeit, Ausdrucksfähigkeit und die Freude daran, eigene Gedanken ernst zu nehmen. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass solche Räume auch künftig selbstverständlich Teil von Schule sind. Denn Begabungsförderung bedeutet für mich nicht, außergewöhnliche Kinder auszuwählen. Sie bedeutet, außergewöhnliche Lernräume zu schaffen. Denn oft zeigen sich Talente erst dann, wenn junge Menschen erleben, dass ihre Ideen willkommen sind.

Ausgabe 20: Die Realität mitgestalten – und ein mehrfaches Dankeschön!

Eine „Saison“ läuft dieses Projekt nun – 20 (1/2) Ausgaben!

Ein herzliches Dankeschön an alle, die Infos geschickt haben, die sich persönlich zurückgemeldet haben. Danke auch fürs Dabeisein, fürs Mitmachen, fürs Weiterempfehlen und Berichten. Danke an die Interviewpartner*innen für ihre Offenheit.

Generell: Danke, dass Du dich interessierst und Teil davon bist!

XLNTTLNT.net ist ein Beitrag zum Diskurs und zum erfolgreichen und sinnstiftenden Umgang mit Begabungen und Talenten. Im Sommer geht nun mit etwas weniger Tempo weiter (alle drei Wochen statt alle zwei Wochen).

Inzwischen wünschen wir eine erholsame und inspirierende Zeit!

4 Fragen an … Hannah Fluch, Schülerin der HTL Spengergasse in Wien

Hannah Fluch ist 18 Jahre alt (Juli 2026), Schülerin der HTL Spengergasse und Präsidentin des Hochbegabtenprogramms ihrer Schule.
Neben der Schule realisiert sie eigene Projekte mit Unternehmen im Bereich KI und CyberSecurity und hält Vorträge bei Kongressen zu diesen Themen. International ist sie Teil des österreichischen Nationalteams bei der European Cybersecurity Challenge (9. Platz 2025) und gewann u.a. die Finals der Austrian Cybersecurity Challenge 2025 und den Bundeswettbewerb für Künstliche Intelligenz 2024.
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/hannahfluch/ ; GitHub: https://github.com/hannahfluch

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Fluch: Angefangen hat es mit Physikbüchern – am Anfang des Gymnasiums habe ich einfach angefangen, mich in Themen reinzulesen, die mich interessiert haben, ohne dass das jemand von mir verlangt hätte. Mit 12 habe ich dann zu programmieren begonnen, und ab da hat sich mein Interesse immer stärker in diese Richtung entwickelt. Den größten Sprung habe ich aber gemacht, als ich in der HTL Spengergasse plötzlich von Leuten umgeben war, die ähnliche Interessen hatten wie ich. Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und gemeinsam an Projekten zu arbeiten, war der Punkt, an dem sich meine Begabung wirklich entfalten konnte.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Fluch: Meine Eltern haben das eigentlich immer gut gemacht – sie haben mir Freiraum gegeben, eigenen Interessen nachzugehen. Bei manchen Lehrer:innen war das früher anders, da gab es öfter den Versuch, mich in eine bestimmte Richtung zu drängen, statt meine Begeisterung für Naturwissenschaften und Technik einfach ernst zu nehmen. In der HTL ist das schon deutlich besser geworden, auch wenn es die eine oder andere Bevormundung noch gibt. Ich glaube, es hätte insgesamt geholfen, wenn früher mehr Vertrauen da gewesen wäre, dass ich selbst am besten weiß, was für mich passt.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Fluch: Mich beschäftigt die Frage, ob man Begabte eher zur Spezialisierung ermutigen sollte oder ob es wichtiger ist, ihnen möglichst viele unterschiedliche Eindrücke zu ermöglichen. Bei mir hat sich das Interesse selbst verschoben – früher war es Physik, jetzt ist es IT – und ich frage mich, ob genau dieser Wechsel nur möglich war, weil ich nicht zu früh auf einen Bereich festgelegt wurde.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Fluch: Für mich war der entscheidende Faktor, mit Leuten mit ähnlichen Interessen umgeben zu sein. Begabungsförderung sollte deshalb nicht nur bei Inhalten oder Programmen ansetzen, sondern vor allem Räume schaffen, in denen sich Gleichgesinnte finden können – das war für mich wertvoller als jedes einzelne Angebot.

 

4 Fragen an … Bernhard Odehnal, Gründer des Online-Mediums „Zwischenbrücken“

Bernhard Odehnal stammt aus Wien, studierte Slawistik und arbeitete als Korrespondent für österreichische und Schweizer Medien in den Balkanländern und in Osteuropa. Zuletzt war er Mitglied des Investigativ-Teams beim Schweizer Medienkonzern „Tamedia“ in Zürich. Im Frühjahr 2025 gründete er in Wien ein lokales Online-Medium für den 2. und 20. Bezirk namens „Zwischenbrücken“. Im Mai 2026 erschien Zwischenbrücken auch als gedrucktes Magazin.  www.zwischenbruecken.at

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Odehnal: Ich bin mir keinerlei besonderer Begabung oder Talent bewusst. Deshalb wüsste ich auch nicht, was sich wann oder warum hätte entfalten können. 

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Odehnal: „Manche Lehrer hassen Kinder prinzipiell. Bei dieser Disposition ist die Berufswahl originell“ (Aus dem Lied „Mittelschulkatheder“ von Christoph & Lollo. Die beiden gingen in dasselbe Wiener Gymnasium und hatten dieselben Lehrer wie ich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen). 

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Odehnal: Was genau ist Begabung? Wie viel kann erlernt oder erarbeitet werden? Was ist vererbt und was in der Persönlichkeit angelegt? Ich weiß es einfach nicht.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Odehnal: Dass es immer noch ein sehr kleiner Kreis von Menschen ist, der das Privilegium genießt, gezielt gefördert zu werden. Wer als Kind das Pech hat, aus der falschen Bevölkerungsschicht zu kommen, mit Eltern, die sich gar nicht um Talente kümmern können und wer dann in Wien oder einer anderen Großstadt in einer Mittelschule landet, dessen Begabungen werden mit großer Wahrscheinlichkeit nie entdeckt.  

Forschung zum Flynn Effect: Wird auch Europas ältere Generation ständig intelligenter?

Kürzlich veröffentlichten Denise Andrzejewski, Jonathan Fries und Jakob Pietschnig von der Universität Wien einen Beitrag mit dem Titel „Executive Function Flynn Effects Are Independent of Psychometric ⁠g in Aging Populations Across Europe (2005-2022)“ im 2025 gegründeten (Open Access) Journal Intelligence & Cognitive Abilities. Thema ist der so genannte Flynn-Effekt – also die systematischen, generationenübergreifenden Steigerungen von Ergebnissen bei Intelligenztests – für das mittlere Alter (ab 50) im Zeitraum von 2005 bis 2022.

Die Ergebnisse zeigen überwiegend positive Flynn-Effekte in fünf kognitiven Bereichen. Die stärksten Zuwächse gab es bei der verbalen Flüssigkeit, gefolgt vom Arbeitsgedächtnis und dem freien Erinnern, während die Rechenfähigkeit schwächere Effekte zeigt.
Unter Berücksichtigung von Alter und Bildung schwächten sich die Effekte deutlich ab. Die Verbesserungen lassen sich meist durch bessere Bildung und Lebensbedingungen erklären.

Länderspezifisch gibt es deutliche Unterschiede. Die Unterschiede hängen stark mit Bildung und Ausgangsniveau zusammen. In Österreich, Deutschland und der Schweiz sind die Effekte klein bis moderat, wobei sich die stärksten positiven Veränderungen in Österreich zeigen.
https://doi.org/10.65550/001c.157760

4 Fragen an … Mel Jäger, Vorstand Mensa in Deutschland e.V. und Mensa International

Mel Jäger ist im Münsterland aufgewachsen, arbeitet als Programmmanager in einem mittelständischen Softwareunternehmen und engagiert sich bei Mensa auf deutscher und internationaler Vorstandsebene. Beruflich wie ehrenamtlich begeistert sich Mel dafür, Menschen zusammenzubringen, komplexe Vorhaben zu organisieren und Strukturen zu schaffen, die Zusammenarbeit erleichtern. Weltweite Kontakte und die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen aus vielen Ländern prägen dabei die Perspektive ebenso wie besonders enge Verbindungen nach Österreich und Frankreich.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Jäger: Das schwankte. Meine Kindheit war diesbezüglich großartig. Wenn ich etwas entdecken wollte, tat ich das oft gemeinsam mit meinem Opa. In der Schule ging es mir zwar häufig zu langsam voran, aber ich bekam Raum, an eigenen Projekten zu arbeiten („Drehtürmodell“). Während meines Studiums trat ich Mensa bei und lernte Menschen kennen, die ähnlich ticken wie ich. Plötzlich war ich „wie die anderen“ – ein völlig neues Gefühl.
Gemeinsam mit den anderen „Ms“ konnte ich immer wieder Ideen auf die Straße bringen und die Welt entdecken. Ich bin froh, Mensa gefunden zu haben, denn die Gemeinschaft hat meine persönliche Entfaltung auf eine ganz neue Ebene gehoben.
Es gab allerdings immer mal wieder Durststrecken. Rückblickend ist für mich ziemlich eindeutig, dass die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an meiner Seite ausschlaggebend dafür waren, ob ich mich entfalten konnte oder nicht.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Jäger: Ich habe meinen ersten IQ-Test erst mit 21 Jahren gemacht, aber meine Begabung hat eigentlich nie jemand infrage gestellt. Man sah sie schon im Kindergarten. Deshalb war es vorher nie nötig, einen Test zu machen.
Das kann aber auch ganz anders sein. Nicht jedes hochbegabte Kind zeigt seine Begabungen; manche verstecken sich auch hinter schlechten Noten, Verhaltensauffälligkeiten oder dem Versuch, nicht aufzufallen. Deshalb darf Begabungsförderung nicht nur die Kinder erreichen, deren Potenzial ohnehin schon sichtbar ist. 
Hilfreich wäre sicherlich, wenn Eltern und Lehrkräfte generell mehr Wissen darüber hätten, wie man mit hochbegabten Kindern umgeht. Heute ist es deutlich einfacher als in den 1990er-Jahren, Beratung und Informationen dazu zu finden; Mensa und andere Vereine wie die DGhK leisten hier eine Menge.
Fachlich wurde ich gut gefördert, die soziale Ebene blieb jedoch oft auf der Strecke. Lehrkräfte sollten darauf achten, die Balance zwischen fachlicher und sozialer Förderung zu halten und nicht eine der beiden Seiten zu übersehen.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Jäger: Wie wir es schaffen können, wirklich alle Kinder passend zu fördern – nicht nur die, die Förderung brauchen, sondern auch die, die Forderung brauchen.

Was möchten Sie zum Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Jäger: Hochbegabung ist kein Luxusproblem. Wir leben in einem Land, dessen wichtigste Ressource die Menschen sind. Wer hochbegabte Kinder nicht fördern will, lässt enormes Potenzial für die Zukunft ungenutzt.
Begabungen entfalten sich nicht von allein – sie brauchen Aufmerksamkeit, Möglichkeiten und Menschen, die an sie glauben.

Ausgabe 17: Stärken stärken stärkt.

Auch in der aufkommenden Routine des Newsletter-Machens sind manche Dinge nie wirklich Routine – wie etwa Themen suchen, zusammenstellen, eine Balance finden zwischen Rollen, persönlichem Bezug, dem Länderfokus etc.
Das Interview „4 Fragen an …“, mit dem jede Ausgabe inhaltlich beginnt, gehört dazu. Und es ist ein Format, das besondere Freude macht. Auch wenn die Interviewten das schriftlich formulieren, ist es doch oft sehr spontan und persönlich.

Dieses Mal ganz besonders:
Die Speakerin und Erfolgsautorin Monika Herbstrith-Lappe hat sich viel Zeit und Platz genommen, uns in ihre Lebensgeschichte mitzunehmen. Nicht alles ist darin toll und erfreulich, im Gegenteil. Aber das vorläufige Zwischenergebnis ist es. Ein kleiner Vorgeschmack ist Monikas Credo: Stärken stärken stärkt.

Dem haben sich auch die Gründerinnen des Vereins Alisma verschrieben – auf ihre eigene Art und sehr engagiert. Das ist einen Blick wert.

4 Fragen an … Monika Herbstrith-Lappe (Keynote Speakerin und Autorin)

Monika Herbstrith-Lappe ist ursprünglich Mathematikerin und Physikerin an den Verbindungsstellen zur Philosophie & Psychologie, jetzt vielfach ausgezeichnet als Keynote Speakerin, Top-Trainerin und High Performance Coach an den Verbindungsstellen von Hard Facts mit Soft Skills. Berufsbegleitend hat sie zahlreiche psychologische Ausbildungen absolviert und Neurowissenschaft studiert. Als Motivationspsychologin ist sie Expertin für Zukunftsmut & Innovationsfreude, gesunde Schaffenskraft & Resilienz in Ära der KI. Sie ist Meisterin im Wechselspiel zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. Mit wortwitzigem Storytelling macht sie komplexe Zusammenhänge greifbar und einprägsam – und das neurowissenschaftlich fundiert. Als begeisterte Extrem-Taucherin erschließt sie das Meer der Möglichkeiten als einprägsame Inspirationsquelle.

Von 2021 bis 2023 war sie Vorständin der Vereinigung der Business-Trainer*innen und von 2023 bis 2025 Vizepräsidentin des Chapters Austria der German Speakers Association. Sie ist Autorin u.a. der Bücher „leistungsstark & lebensfroh”, „Tauchen im Ozean des Lebens” und „Aufblühen statt Ausglühen: raus aus dem Stress & rein in den Flow”.
Weitere Infos auf https://vortrag-motivation-humor.de/sowie https://www.monikaherbstrith-lappe.com/

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Herbstrith-Lappe: Mein 1. Chef war auch mein Mentor und hat sich zurecht als meinen geistigen Adoptivvater bezeichnet. Ich war 22 Jahre alt und habe nach Abschluss meines Mathematik- und Physik-Doppelstudiums – mit Notenschnitt 1,0 und 1 Jahr Studienverkürzung – in der Ingenieursausbildung für Berufstätige unterrichtet. Und ich war mit einem Mann verlobt, der mich öffentlich gedemütigt hat. Meinen Chef hat das empört und er hat mir die Rückmeldung gegeben, noch nie einem Menschen begegnet zu sein, der so viel geleistet hat und so wenig Selbstvertrauen hat.
Wie kommt das? Ich bin sehr ambivalent aufgewachsen. Meine Eltern haben mich einerseits sehr gefördert und mir war bewusst Klassenbeste zu sein. An meiner raschen Auffassungsgabe, der Schnelligkeit und Wendigkeit meines Gehirns habe ich nie gezweifelt.

Mein Vater war Sonderschuldirektor, meine Mutter Lehrerin und  für mich stand es als Kind außer Frage, Lehrerin werden zu wollen.
Andererseits bin ich sehr defizitorientiert sozialisiert. „Du kannst nicht singen und nicht turnen, daher kannst du nicht Volksschullehrerin werden.“ hab ich immer wieder gehört und verinnerlicht. Darum bin ich in die Hauptschule gegangen, damit ich sie, wenn ich dort unterrichte, als Schülerin kennengelernt habe. In der Volksschule hatte ich lauter Sehr gut. „Das ist nur, weil die Lehrerinnen deinen Vater kennen.“ habe ich von meinen Mitschülerinnen gehört. „Aber in der Hauptschule wirst du auch schlechtere Noten bekommen.“ von meinen Eltern. Mit 12 Jahren habe ich mitbekommen, dass man Lehramt studieren kann, und mich hat die elektrische Klingel fasziniert. Meine Lösung: Ich studiere Physik. Da muss ich auch nicht singen und nicht turnen. In der Hauptschule hatte ich auch wieder lauter Sehr gut. Mein Vater: „Im Gymnasium wirst du auch schlechtere Noten bekommen.“ Ich ging ins BORG Wr. Neustadt und hatte lauter Sehr gut außer in Leibesübungen. Ich war die erste Schüler*in in der Geschichte des BORGs, die an der Mathemathematik Olympiade teilgenommen hat. Ich habe sogar den 2. Platz bei der Bundesolympiade erzielt. Das hat aber niemand als Erfolg betrachtet. Am wenigsten ich selbst.

Die Rückmeldungen vom Umfeld haben sich verinnerlicht: „Ich gehe in kein richtiges Gymnasium, sondern nur ins BORG. Bei meinem Studium der Mathematik und Physik werde ich zu kämpfen haben“. Ich habe zu studieren bekommen. In den ersten Wochen hörte ich unzählige Male von Professoren: „Was sie bereits aus dem Gymnasium wissen …“. Zunächst die Bestätigung, dass ich wegen meiner schlechten Vorbildung es nicht weiß. Doch dann habe ich mitbekommen, dass es die anderen auch nicht wissen und selbst ich konnte nicht mehr übersehen, dass ich in Mathematik und Physik außergewöhnlich gut war. Studium mit lauter Sehr gut. Noch vor der Matura habe ich mich bereits verlobt, denn den 1. Mann heiratet man. Er und seine Eltern haben mir die Ohren vollgesungen mit „Musterschülerinnen versagen im Leben.“
Mein 1. Chef hat mein Selbstbild schrittweise zurecht gerückt. Und es hat auch viele Studen Psychotherapie gekostet, dass ich mich von dem demütigenden Mann trennen und meine Stärken und Talente würdigen konnte.

Dass ich mir mein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen höchst mühsam erarbeiten musste, ermöglicht mir jetzt, andere Menschen zu ermutigen und zu bestärken, ihr Selbstbewusstsein zu festigen. „Stärken stärken stärkt.“ Ist jetzt mein Credo.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Herbstrith-Lappe: Es wäre so schön und erleichternd gewesen, wenn sie mich als Mensch hinter meiner Leistung gesehen und mir Verständnis entgegengebracht hätten. Von meinen Mitschülerinnen, auch von denen, die liebend gerne von mir abgeschrieben habe, wurde ich gemobbt. Zum Beispiel haben sie den Burschen mit denen wir in der Tanzschule waren, als erstes über mich erzählt, dass ich die Relativitätstheorie gelesen habe. Die haben dann ihren Klassenbesten zu mir geschickt, der mich gecheckt hat, ob ich sie auch wirklich verstanden habe. Den Test habe ich natürlich bestens bestanden. Aber es ist nicht das, was ich mir als junge Frau in der Tanzschule erwartet habe. Wenn ich mich anvertraut und erzählt habe, dass ich unglücklich bin, habe ich als Antwort bekommen: „Du und unglücklich? Was willst du. Du bist eh so gut in Mathe.“ Mein demütigender Ex-Mann ist mir passiert, weil ich es unbewusst als attraktiv gefunden habe, dass er nicht wusste, dass ich so gut in der Schule bin.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Herbstrith-Lappe: Meine Stärke ist auch meine Bürde, nämlich meine Vielseitigkeit. Von Mathematik & Physik, über Psychologie & Neurowissenschaft, bis zu KI- & Zukunftsmanagement. Und das in Kombination mit Humorberatung & Clownerie. Einerseits nutze ich diese breite Spektrum für faszinierende Kombinationen, die Unglaubliches ermöglichen. Andererseits überfordert es viele in einer Zeit, in der spitze Expertise gefragt ist. Es gibt schon das Konzept vom „Neo-Generalisten“ das von Kenneth Mikkelsen und Richard Martin geprägt wurde. Ich bin davon überzeugt, dass das Verbinden von Themen statt Themeninseln gerade in der Ära der Künstlichen Intelligenz wertvoll und nützlich ist. Damit in Zeiten von Suchmaschinenoptimierung erfolgreich Marketing und Social Media zu bespielen, ist für mich sehr herausfordernd.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Herbstrith-Lappe: Ich liebe das Zitat von Henry van Dyke: „Nutze die Talente, die du hast. Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.“ Das sollte in jeder Bildungseinrichtung von der Elementarpädagogik über die Universitäten bis zur Erwachsenen-Weiterbildung hängen.
Und mit meinem WortWitz bin ich eine Gegnerin der FORTbildung, weil es nämlich eine HINbildung sein sollte: Es gibt das sehr empfehlenswerte Kinderbuch „Wenn die Ziege schwimmen lernt“. Das meine ich mit FORTbildung, die in die Durchschnittsfalle führt. HINbildung ist hingegen, wenn die Ziege Kräuterkunde lernt, der Affe Klettern übt und der Fisch schwimmen trainiert. Die FC-Bayern Kaderschmiede befolgt übrigens dieses Prinzip: Jede*r Spieler*in trainiert 3 Trainingsschwerpunkte, die auf den jeweiligen Stärken aufbauen.
Ich habe eine Formel der Zuversicht entwickelt:

1. Was ist mir schon gelungen? Insbesondere auch: Was habe ich leicht geschafft?
2. Welche Stärken und Strategien von mir haben sich dabei bewährt? Was ist mein selbstwirksamer Anteil daran?
3. Wie kann ich diese Stärken und Strategien zukünftig für gleiche, ähnlich und auch ganz andere Situationen nutzen?

So können wir vom Alten für Neues lernen. Unsere Gesellschaft im Welt des Umbruchs braucht ganz dringend den Geist von erfahrenen Anfänger*innen, die einerseits Erfahrungsschätze nutzen und andererseits diese an geänderte Umstände anpassen. Ein Generationenmix ist dafür höchst förderlich.

Ausgabe 16: Neues aufbauen!

Bei den Editorials verwende ich immer gerne symbolische Bilder „aus dem Leben“. Das Bild heute stammt aus einer LEGO® Serious Play Session vom 1. Geburtstag des Education Lab in Wien. Wir hatten in der Gruppe einiges zu besprechen!

In der aktuellen Ausgabe heute finden sich wieder einige Tipps – und ein „4-Fragen“-Interview mit Theri Hornich, die eine außergewöhnliche Karriere macht uns ich in mehrfacher Form professionell mit Begabungen und ihrer Förderung beschäftigt.

Sehr erfreulich ist auch, dass uns der Bildungshub Wien nun auch auf die Website (und in den Newsletter) aufgenommen hat.

Schöne Frühlingswochen inzwischen – MACHEN WIR MEHR DARAUS!