4 Fragen an … Antje Diller-Wolff, Journalistin und Trainerin

Antje Diller-Wolff ist studierte Medien- und Sprachwissenschaftlerin und bekannt als Moderatorin, Live-Reporterin, Autorin und Sprecherin für Medien wie ZDF (37 Grad), arte (arte:Re), Spiegel TV und NDR. Sie leitet das Team von shs medien und wurde vom Bundeswirtschaftsministerium als Vorbild-Unternehmerin ausgezeichnet. Sie war Dozentin an der Nanyang University Singapore am Lehrstuhl für Journalistik und Kommunikationswissenschaften und lehrt heute an der Macromedia-Hochschule Hamburg und Berlin die Fächer Journalistik und Kommunikationskompetenzen.
Sie trainiert bundesweit PolitikerInnen und Führungskräfte für öffentliche Auftritte und moderiert bundesweit Veranstaltungen, Tagungen und Podien in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Bildung. Antje Diller-Wolff ist außerdem ausgebildet am internationalen Centrum für Begabungsforschung als Coach für Hochbegabte. Sie ist seit zehn Jahren Mitglied bei Mensa und Intertel. Ehrenamtlich leitet sie einen Infokreis Hochbegabung für Eltern, Lehrkräfte und Pädagoginnen, hält Vorträge und macht Schulungen für Lehrerkollegien.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Diller-Wolff: Als die Schule endlich vorbei war. Ich hatte ein miserables Abi von 3,4 nach einer furchtbaren Mobbing-Schulzeit und war selten im Unterricht. Mit einem Praktikum beim lokalen Radiosender entdeckte ich meine absolute Leidenschaft. Zum ersten Mal habe ich mich für etwas zerrissen.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Diller-Wolff: Verstehen eher. Was das Mobbing und Nicht-Gesehen-werden mit einem Kind macht. Warum ich so viel hinterfragt habe. Ich wollte niemanden ärgern. Nur viel wissen und klären. Meine Familie (die mit Sicherheit alle hochbegabt waren) haben an mir nichts ungewöhnliches feststellen und unterstützen können.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Diller-Wolff: Warum selbstverständlich musikalische und sportliche Begabungen krass gefördert und unterstützt werden und diese Förderung gesellschaftlich absolut anerkannt wird. Intelligenz nicht.  

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Diller-Wolff: Die Pädagoginnen und Pädagogen in den Kitas müssen geschult und alert sein. Sie sind im Bestfall die ersten, die Eltern darauf aufmerksam machen, dass ein Kind nicht der Norm entspricht. Die Karg-Stiftung in Deutschland beispielsweise schult Fachkräfte und sensibilisiert. Und es muss auch da und unmittelbar in der Grundschule verfügbares Forder-Material geben. Differenzierung beginnt bitte schon in der Kita.

Editorial zu Ausgabe 14: Intelligenz im Test und in der Praxis

Hallo zurück nach den Osterferien!
In den vergangenen Wochen hat sich viel getan – u.a. fand der 1. Community-Event am VISTA mit einer exklusiven Führung durch Christian Bertsch statt. Vielen Dank für die Gastfreundschaft, die Offenheit und die spannenden Diskussionen!

Neben dem Nachbericht dazu gibt’s in der aktuellen Ausgabe auch ein Fachbeitrag von Stefan Reichel über Intelligenztests, ein kurzes Interview mit Toni Kronke (Teach For Austria) sowie einen Terminhinweis auf die VAN-Konferenz in Göttingen.

Bereits am 8. April startet das Jahrestreffen von Mensa in Deutschland e.V. in München mit über 1.600 Gästen. Das Info-Team hat ein sehr vielseitiges (und ziemlich geniales) Programm zusammengestellt. Nachbericht folgt – in Ausgabe 15 in zwei Wochen!

4 Fragen an … Toni Kronke, stv. Geschäftsführer Teach For Austria

Toni Kronke ist Teil des Gründerteams und stv. Geschäftsführer bei Teach For Austria. 2009 schloss er sich dem ersten Fellow-Jahrgang bei Teach First Deutschland an und ist seitdem innerhalb der internationalen Bildungsbewegung Teach For All aktiv. Vor seinem Wechsel in den Bildungsbereich arbeitete Toni in Projekten u.a. in Brasilien im Bereich Capacity Building, Partizipation und demokratische Entwicklung. In Deutschland arbeitete er für Entwicklungsorganisationen mit Schwerpunkt Migration/Brain Drain, war für Bürgerradios tätig und startete Kultur- und Filmfestivals. Toni studierte angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim mit Schwerpunkt Medien und strategische Kommunikation sowie Audiovisuelle Technologie an der ESMAE in Porto/Portugal.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Kronke: Immer dann, wenn ich die Freiheit hatte, ganz ich selbst sein und mich meinen eigenen Interessen widmen zu können.  

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?

Kronke: Auf Lehrer:innen bezogen: Ich werde immer den Status quo infrage stellen. Damit konnten die allerwenigsten Lehrer:innen umgehen. Und darum war Schule kein Ort der Entfaltung für mich. Dagegen habe ich rebelliert.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Kronke: Unser Schulsystem teilt Kinder schon mit 10 Jahren in unterschiedlichen Schulformen auf. Um Begabung geht es bei dieser Aufteilung oft nicht. Viel mehr um den Bildungsstand, den sozioökonomischen Hintergrund und die Herkunft der Eltern. Innerhalb dieses Schulsystems bleiben so viele Potentiale einfach unentdeckt und auf der Strecke. Das müssen wir ändern, im Interesse von uns allen.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Kronke: Begabtenförderung wird als Nischenthema behandelt. Als Gesellschaft sollte es uns aber wichtig sein, dass Menschen ihre Begabungen voll entfalten und damit ihre eigene und  die Zukunft von uns allen positiv gestalten können. Lehrkräfte und Pädagog:innen sind ein großer Teil des Puzzles, aber wir alle sind dafür verantwortlich.

Portrait Gerlinde Heil - Foto: Manfred Baumann

Erfahrungsbericht: Neurodivergent Leadership in der Praxis – von Gerlinde Heil

Gerlinde Heil, Didaktikerin, Gründerin und CEO von Science Pool, einem privaten Bildungsunternehmen (KMU mit 50-60 Angestellten), das sich mit MINT-Vermittlung befasst. Das Angebot umfasst Schulworkshops im Haus Science Pool, Freizeitpädagogik, Ferienprogramme und Events österreichweit. 

Eigentlich wurde der Science Pool gegründet, um die Interessen begabter Kinder und Jugendlicher zu fördern. Dabei gibt und gab es Schnittstellen mit weiteren Neurodivergenzen – besonders AD(H)S und Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die Grenzen sind, wenn sie überhaupt existieren, fließend. Eine „Kochrezeptmethodik“ gibt es nicht. Allerdings funktioniert eine gewissermaßen „gemeinsame Sprache“: Als selber Neurodivergente ist es schon recht viel einfacher, neurodivergente Kinder zu unterrichten, zu coachen, zu interessieren.
Als diese Kinder älter wurden, suchten sie Jobs. Und blieben auch während des Studiums im Science Pool als Vermittlungspersonen.

Das ist mittlerweile schon lange her, die damaligen Studierenden sind in ihren Brotberufen gelandet, die Arbeit im Science Pool ist kein Job mehr – was geblieben ist: Ich leite ein Unternehmen als Neurodivergente, das viele Neurodivergente angestellt hat und viele Neurodivergente unterrichtet.
Dass Unterschiede in der Form der Zusammenarbeit bestehen, wird mir nur selten bewusst. Die Hierarchien sind sehr flach, kaum erkennbar und fluid. Sie beruhen auf Spezialistentum. Andererseits greifen alle unsere Tätigkeiten, Events, Projekte, Kinderkurse, Workshops auf den gleichen Personenpool zu, daher kann jeder alles. Allerdings eben nicht immer gleich gut oder gleich gerne.

Hier muss die Einsicht in die Notwendigkeit bestehen, und auch darin, dass die Erfahrungen einer Person, die etwas nicht gern macht, für alle anderen sehr hilfreich sind. Wesentlich ist auch das Wissen um und die Akzeptanz der Besonderheit aller anderen: Offenheit ist eine Bring- und Holschuld. Leistung allerdings auch. Manchmal kommt bei einigen Personen die Leistungskurve in Wellen, das ist gut zu integrieren, wenn man es weiß und kennt und auch die betroffene Person damit gut umgeht. Oft helfen schon kleine Anpassungen der Arbeitsumgebung – Geräusche, visuelle Achsen, Kernzeiten.
Umso weniger das Team durch unnötige Kleinigkeiten belastet ist, umso lieber arbeitet es. Eustress leitet besser als ein Chef.
Allerdings „kracht“ es schon auch. Und gerade intelligente Menschen können gut abschätzen, wo es weh tut. Kritik tut immer weh, besonders klugen Leuten tut sie meist besonders weh. Viele sind nicht daran gewöhnt, Fehler zu machen, das alles weiß ich natürlich auch aus eigener Erfahrung: Wer viel arbeitet, macht auch entsprechend mehr Fehler. Und es interessiert mich im Normalfall nicht, wer den Fehler macht, sondern dass er kein zweites Mal passiert.

Wesentlich ist einerseits ein hohes Maß an Toleranz, andererseits auch, die Grenze zwischen Toleranz und Gefährdung zu definieren. Notfalls täglich neu.

Fazit: Eine „Kochrezeptkommunikation“ mit Mitarbeitenden gibt es auch nicht. Aber auch hier funktioniert die gewissermaßen „gemeinsame Sprache“. Und Diversität ist bei uns Norm.
Mikromanagement funktioniert unter Neurodivergenten nicht besonders gut – auch, weil ich es selber nicht gern ausübe. Der größere Frei- und Gestaltungsraum unterstützt bei den meisten auch ihren Willen, Verantwortung zu übernehmen, auch und vor allem für Kinder, die auf Grund ihrer Interessen und Besonderheiten auch besondere Förderung brauchen.
Als neurodivergente Person Rücksicht der anderen Teammitglieder zu verlangen, bloß weil man neurodivergent ist, funktioniert im Kontext unserer Tätigkeiten allerdings nicht pauschal. Neurodivergenzen nutzbringend einzusetzen, allerdings schon – niemand muss darunter leiden, schnell zu denken!

4 Fragen an … Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende Infineon Technologies Austria AG

DI Dr.in Sabine Herlitschka, MBA ist seit April 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG. Zuvor war sie in der industriellen Biotech‑Forschung tätig, verantwortete internationale Forschungs‑ und Technologiekooperationen und ‑finanzierung (u. a. bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft/FFG) und wirkte als Gründungs‑Vizerektorin der Medizinischen Universität Graz. Forschungsaufenthalte an US‑Institutionen und ein Fulbright‑Stipendium runden ihren Werdegang ab. Aktuell engagiert sie sich u. a. als Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung, Aufsichtsrätin der ÖBAG und im Wissenschaftlichen Beirat des Forschungszentrums Jülich. 2025 erhielt sie den Schumpeter‑Preis.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Herlitschka: Rückblickend dort, wo ich Neugier in konkrete Wirkung übersetzen konnte. Ich hatte früh gute Bildungszugänge – aber entscheidend war die Erkenntnis, dass Wissen kein Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung entfaltet. Forschung, Technologie und später Führung haben mir dafür den Rahmen gegeben. Ausschlaggebend waren Menschen, die mir Vertrauen, Verantwortung und Ambition zugleich gegeben haben

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Herlitschka: Dass ich am stärksten lerne, wenn Theorie und Blick auf deren mögliche Anwendungen besser zusammenfinden – und das projekt- oder themenorientiert und mit hohem Anspruch. Und dass Unterschiedlichkeiten in Teams mir Energie geben: verschiedene Blickwinkel, kontroverse Debatten – Fordern und Fördern als gemeinsamer Nenner.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Herlitschka: Wie schaffen wir es, Begabung früh zu erkennen, Breite zu fördern und gleichzeitig Exzellenz konsequent zu entwickeln – ohne ideologische Scheindebatten? Die eigentliche Frage ist nicht entweder Chancengerechtigkeit oder Spitzenförderung, sondern wie wir beides systemisch verzahnen. Andere Länder zeigen, dass frühe Talentidentifikation und Leistungsdifferenzierung in Verbindung mit Forschung und Wirtschaft wirken.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Herlitschka: Begabtenförderung ist kein Elitenthema, sondern eine strategische Frage für den Innovations‑ und Wirtschaftsstandort Europa. Wenn wir im globalen Wettbewerb bestehen wollen, brauchen wir mehr Tempo, mehr Tiefe und mehr Exzellenz – in Forschung, Technologie und Industrie. Das gelingt nur, wenn wir außergewöhnliche Talente früh erkennen und ihnen bestmögliche Rahmenbedingungen bieten. Breite Bildungszugänge schaffen Potenzial, aber Exzellenz entscheidet über Innovationsfähigkeit.

Reden wir über Hochbegabung, aber wie? – Mit dem Wörterbuch!

Von AD(H)S bis „Zone nächster Entwicklung“: Das Wörterbuch der Hochbegabung erklärt die gängigen Begriffe anschaulich und liefert den Überblick.
Ein Gesamt-PDF der 2. Auflage ist hier verfügbar. Darüber hinaus gibt es auch eine Online-Version in DEUTSCH und ENGLISCH.

Der Fokus liegt zwar auf Schule, aber im Sinn des „lebenslangen Lernens“ finden auch Personen, die nicht im Bildungssystem arbeiten, hier spannende (Er)Klärungen. Fazit: Praktisch und nützlich!

 

 

4 Fragen an … Ronja Woidig, Schülerin in einem Hochbegabten-Förderungsprogramm in Bayreuth

Ronja Woidig (*2009) ist Schülerin des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums Bayreuth und Teil des Hochbegabtenförderungsprogrammes. Sie besucht die Modellklasse, in welcher hochbegabte Schüler*innen besondere Förderungen erhalten.  Beim Karg Fachforum Schule Ende Februar berichtete sie von ihren Erfahrungen.

Ab wann im Leben hast Du Deine Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Woidig: Für mich gab es zwei ausschlaggebende Faktoren: Das Umfeld und die Motivation. Besonders Kinder brauchen ein Umfeld, dass sie unterstützt, um sich sicher genug zu fühlen, ihre Begabungen zu zeigen und zu kultivieren; in einem solchen Umfeld befinde ich mich seit meinem Eintritt in die Hochbegabtenklasse im fünften Schuljahr. Jedoch ohne Motivation, ohne wirklichen Spaß an meinen Projekten hätte ich mich niemals so entfalten können – deshalb ist es die Aufgabe der Schule, Kindern Lust auf Wissen zu machen, anstatt ihnen Antworten auf Fragen zu geben, die sie nicht gestellt haben.

Was hätten Deine Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Dich früher wissen sollen?
Woidig: Ich arbeite am besten, wenn ich das, was ich mache, selbst ausgewählt habe. Es ist wichtig für Schüler, Kontrolle darüber zu haben, worauf sie ihre Zeit und Energie verwenden. Ich habe viel Glück, da an meiner Schule auf Mitspracherecht der Schüler und freies Arbeiten großer Wert gelegt wird.

Welche Fragen stellen sich für Dich – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Woidig: Begabung ist – per Definition – das Potential einer Person. Wir sind keine Propheten, können nicht in die Zukunft blicken; wie können wir also darüber bestimmen, wer Potential hat und wer nicht? Jeder Mensch hat prinzipiell Potential; „hochbegabt“ ist nur ein Label, das uns vom Rest der Menschen abgrenzt. Ich wünsche mir eine Welt, in der man das Wort „Hochbegabung“ nicht braucht, weil jeder Begabungen besitzt.

Was möchtest Du zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Woidig: Ich wünsche mir, dass mehr Formen der Begabung allgemein anerkannt werden. Ich wünsche mir, dass wir uns nicht jeden Tag Vorurteilen stellen müssen; dass wir nicht in allem perfekt sein müssen. Vor allem wünsche ich mir aber, dass unsere Gesellschaft erkennt, dass die Bildung unserer nächsten Generation eine der wichtigsten Pflichten unseres Staates ist.

4 Fragen an … Daniel Oehry, Bildungsminister des Fürstentums Liechtenstein

Daniel Oehry (*1971) ist seit April 2025 Regierungsmitglied des Fürstentums Liechtenstein und leitet das Ministerium für Infrastruktur und Bildung.
Er absolvierte eine Lehre als Maschinenzeichner bei der Hilti AG in Schaan und ein berufsbegleitendes Maschinenbaustudium (Dipl. Ing. FH) an der FH Liechtenstein. Vor seiner Tätigkeit als Regierungsrat war Oehry Projektleiter in der Personalabteilung bei der Hilti AG.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Oehry: Das eine wichtige Grundlage war stets machen-lassen. Wenn man uns Jungs mit einem Fahrrad, einer alten Motorsäge und Werkzeug einfach machen liess, so liess das selbergebaute Moped nicht lange auf sich warten. Die andere war an-einen-glauben. Gerade in der Lehre durfte ich dieses Vertrauen erfahren, als ich im Sondermaschinenbau mit selbständiger Lösungsfindung beauftragt wurde.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Oehry: Die Frage ist, ob es – insbesondere vor dem damals bestehenden System und seinen kaum bestehenden Freiheiten zur individuellen Förderung – einen Unterschied gemacht hätte, aber die Erkenntnis, dass insbesondere in Bereichen, in denen ich mich schwertue, mir der Zugang über die Praxis sehr hilft, hätte helfen können. So waren Sprachen nie meins, weder Deutsch noch Französisch. Als ich dann im Beruf eine praktische Anwendung für Englisch hatte, machte ich plötzlich überraschende Fortschritte.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Oehry: Selbstverständlich bin ich immer noch gespannt, wo in mir noch Begabungen liegen, derer ich mir nicht bewusst bin, weil ich sie noch nie einsetzen musste. Und in diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, als Privatperson und als Bildungsminister, wie erkennt man bei sich und bei anderen Begabungen, ohne auf einen dieser Zufälle warten zu müssen, der eine davon freilegt. Es würde mich beispielsweise freuen, zu erkennen, dass ich eigentlich ein toller Fotograf bin.

Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Oehry: Der Versuch der Ausmerzung von Schwächen nimmt bei uns immer noch mehr Raum ein als die Förderung der Stärken. Eine solide Grundausbildung über alle Fächer und Themen hinweg, als gemeinsame Ausgangsbasis, ist wichtig. Ab einem gewissen Zeitpunkt sollten wir aber der individuellen Begabung mehr Platz zur Entfaltung einräumen. Darin, so bin ich überzeugt, liegt noch massives Potential, sowohl für jeden einzelnen als auch für Gesellschaft und Wirtschaft.

 

 

Medientipp: Vortrag von Frauke Niehues bei SpecialBrains

Die Hypnotherapeutin Frauke Niehues hat beim SpecialBrains NeuroBeats Event Anfang Jänner in Bonn vorgetragen.
Witzig und klar und persönlich erklärt sie Hochbegabung und was damit einhergeht bzw. einhergehen kann.
Ein aktueller und angenehmer Überblick. Hier der Videomitschnitt.

Medientipp: ZIMT für psychische Gesundheit – Gründerin Karina Grünauer im Interview

ZIMT ist ein unabhängiges Online-Magazin über die Psyche, mit dem Ziel, psychische Gesundheit in den Mittelpunkt junger Menschen zu bringen. Das Projekt wurde (ebenso wie XLNTTLNT.net) im Rahmen der Wiener Medieninitiative gefördert.
Ein Gespräch mit Karina Grünauer, die gemeinsam mit gemeinsam mit Jana Reininger da Rosa ZIMT gegründet hat. Und eine Empfehlung!

Inwieweit seht ihr euch als Online- bzw. als Printmagazin?

Karina Grünauer: Wir haben als Onlinemagazin mit starker Social-Media-Präsenz gestartet, aber eigentlich war unser Ansatz von Anfang an: Wie erreichen wir unsere Zielgruppe über möglichst viele Kanäle? Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen empfinden dieses ständige Online-Sein oft als überfordernd. Deshalb haben wir 2024 unser Printmagazin ins Leben gerufen – mit weitestgehend zeitunkritischen Themen, vielen Long Reads, die man in Ruhe auf der Couch, im Bett oder in der Badewanne lesen kann, ohne Ablenkung. Das Heft erscheint halbjährlich.
Wem dieser Turnus zu lang ist, der findet ein- bis zweiwöchentlich neue Geschichten online. Wir arbeiten dort in Schwerpunkten: Zu jedem Thema gibt es mindestens ein Porträt oder eine Erfahrungsgeschichte, eine größere Recherche, die gesellschaftliche Zusammenhänge kritisch hinterfragt, sowie einen Meinungsbeitrag – zum Beispiel ein Expert:inneninterview. Wir verstehen uns also als beides: Print und Online ergänzen sich bei uns.

Wie wichtig ist der Newsletter unter euren Produkten?

KG: Sehr wichtig. Die zweiwöchentliche Newsletterkolumne ist für uns ein direkter Draht zu unseren Leser:innen. Darüber können wir gezielt Themen setzen, die sie und uns gerade beschäftigen, teilen Lese- oder Hörempfehlungen zu psychologischen Themen und bleiben im Austausch.
Exklusiv für Abonnent:innen haben wir zusätzliche Formate – etwa eine persönliche Kolumne von Erfahrungsexpert:innen oder direkte Einblicke in die Psychotherapie. Das Angebot variiert, aber der Hauptnewsletter von der Redaktion bleibt konstant.
Der Newsletter ist auch deshalb strategisch wichtig, weil wir alle nicht wissen, wie sich Big Tech weiterentwickeln wird. Mit kritischen Beiträgen könnten wir eines Tages in sozialen Medien gar nicht mehr ausgespielt werden. Der Newsletter gibt uns Unabhängigkeit.

Was können Menschen, die sich für Begabungs- und Talenteförderung interessieren, von ZIMT mitnehmen?

Karina Grünauer: Bei uns gibt es nicht nur Schreibtalente, sondern auch „Erfahrungstalente“. Im Rahmen der ZIMT Recherchewerkstatt unterstützen wir vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei, erste journalistische Schreiberfahrung zu sammeln.
Ungefähr quartalsweise treffen wir uns physisch. Dort pitchen uns die Teilnehmenden Themen, die sie als Betroffene oder Angehörige beschäftigen und in die sie sich journalistisch vertiefen wollen. Wir helfen bei der Themenausarbeitung, Recherche, Verschriftlichung und ersten Publikation. Die besten Geschichten schaffen es sogar in die Printausgabe.
Unser Ansatz: Ein Talent hat jeder, man muss sich nur die Zeit nehmen, es zu finden.

Ein ZIMTMAGAZIN-Abo bzw. der Versand nach Deutschland, in die Schweiz, nach Italien oder Liechtenstein – zu welchen Konditionen ist das möglich?

KG: Da wir deutschsprachig sind, fokussieren wir uns auf den D-A-CH-Raum. Wir sind ein sehr kleines Team, und der Vertrieb in viele verschiedene Regionen bindet unverhältnismäßig viele Ressourcen. Unser Fokus liegt daher auf Deutschland und Österreich – auch wegen des Euro, das macht Abrechnung und Steuern einfacher. In die Schweiz versenden wir aber auch.
Bei den Versandkosten sind wir leider den horrenden Gebühren der österreichischen Post ausgeliefert, gerade weil unser Heft knapp 100 Seiten stark ist: Österreich kostet 3,10 Euro, Deutschland 6,50 Euro, Schweiz 8,20 Euro. Das landet nicht bei uns, das verlangt die Post. Im Jahresabo übernehmen wir aber die Versandkosten für unsere Abonnent:innen.

Kennt ihr vergleichbare Angebote aus diesen Ländern? Was unterscheidet euch?

Karina Grünauer: Es gibt teilweise Magazine, die sich mit Psychologie oder Achtsamkeit beschäftigen, wobei es gerade bei Letzterem einen Rückgang gibt. Aber: Wir sind das einzige Magazin im deutschsprachigen Raum, das gezielt eine junge Zielgruppe anspricht und die Themen möglichst optisch ansprechend und barrierearm aufbereitet – damit nicht nur Menschen mit Studium Zugang zu diesen Inhalten haben.
Psychische Belastungen und Erkrankungen betreffen praktisch alle Menschen, wenn man nahestehende Personen miteinbezieht, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Bildungsgrad. Das wollen wir mit unserem Magazin vermitteln.

Lesen/nutzen ZIMT eher „Betroffene“/Angehörige/Therapeut:innen/sonstige Interessierte? Gibt es dazu Daten?

KG: Es ist recht ausgewogen. Social Media nutzen vor allem Betroffene, das Magazin – ob online oder print – erreicht alle Gruppen ungefähr gleich stark. Bei Print bekommen wir besonders viel positives Feedback aus den Reihen der Profis: wie gut aufbereitet die Themen sind, wie fundiert die Recherchen.
Im Zeitschriftenregal sticht ZIMT ohnehin ins Auge – durch das außergewöhnliche Format und Papier. Das spricht alle an: Betroffene, Angehörige, Professionelle.

Habt ihr Angebote für Schulen?

KG: Daran arbeiten wir gerade. Im vergangenen Jahr haben wir speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Zusammenarbeit mit pro mente Workshops angeboten – rund um Mediennutzung und Media Literacy. Heuer möchten wir das gerne ausbauen.
Die Entwicklungen um KI, News Bombing und Desinformation sind extrem und haben starken Einfluss auf die Psyche. Da möchten wir unterstützen und aufklären.

Was plant ihr für 2026? Auch Offline-Formate?

KG: Wie erwähnt möchten wir den Workshopbereich ausbauen. Wir brauchen unbedingt einen gesünderen Umgang mit den Entwicklungen in unserer Gesellschaft – immer mehr Menschen halten das nur schwer aus, erkranken regelrecht an den Systemen. Da möchten wir aufklären und die Brücke sein zu Entstigmatisierung und entsprechenden Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten.
Die massiven Kürzungen im österreichischen Sozialbudget, insbesondere in Wien, sind auch bei uns angekommen. Wir versuchen gegenzusteuern, sind aber gleichzeitig auf finanzielle Unterstützer:innen angewiesen, um unsere Arbeit aufrechterhalten zu können. Deshalb sind wir auch Teil der Bewegung zum gemeinwohlorientierten Journalismus in Österreich.
Außerdem planen wir weitere Veranstaltungen und Moderationen – Offlineformate, in denen wir über die Psyche sprechen. Das Jahr ist noch jung, wir haben viel vor. Aber wir schauen auch, was auf uns zukommt, und bleiben flexibel.

Vielen Dank und alles Gute!