Gastbeitrag: Symposium zur Begabungsförderung in Lilienfeld

Autor: Prof. Dr. Wolfgang Ellmauer, KPH Wien/Niederösterreich

Von 10.-11. April fand im Stift Lilienfeld (NÖ) das „Symposium zur Begabungsförderung“ statt, das in einer Kooperation des Vereins ECHA (European Council for High Ability), der KPH Wien/NÖ und der PH NÖ veranstaltet wurde. Unter dem Motto „Begabende Schulen gemeinsam gestalten“ nahmen Lehrpersonen, Schulleitungen sowie Personen der Schulbehörden aus ganz Österreich teil.

Die drei Keynote-Vorträge von Prof. Heinz-Werner Wollersheim (Universität Leipzig), Prof. Katharina Heissenberger-Lehofer (PH Steiermark) und Judita Huber (ISTA Klosterneuburg) thematisierten den Kompetenzerwerb im Kontext von Begabungsförderung, Lesson Studies als Tool der personzentrierten Begabungsförderung und Angebote der Begabungsförderung am Institute of Science and Technology Austria (ISTA).
Zudem wurden neun Themenräume mit Workshops und Vorträgen angeboten (z.B. Begabungsgütesiegel GripS, PERMA.teach, Rolle der Schulleitung in der Begabungsförderung, Wege zur Potenzialentfaltung, Leseförderung, MINT für alle). Den Abschluss des zweitägigen Symposiums bildete eine Podiumsdiskussion zum Thema „Schulentwicklung durch Begabungs- und Begabtenförderung – Was braucht es dazu?“ mit Vertreter:innen des Ministeriums, der Bildungsdirektion NÖ sowie der beiden niederösterreichischen Pädagogischen Hochschulen.

Über 120 interessierte Lehrpersonen, Schulleitungen sowie Personen der Schulbehörde und außerschulischer Organisationen nahmen an dieser gelungenen Veranstaltung teil. Eine Fortsetzung des Formats in zwei Jahren ist geplant.
Nähere Informationen finden Sie unter https://www.echa-oesterreich.at/cms/index.php/verein/214-1-symposium-zur-begabungs-und-begabtenfoerderung

 

FACHBEITRAG: IQ – testen, ignorieren oder transformieren?

von Stefan REICHEL (Psychologe, https://thomas-profiling.at)

 

Viele begabte Menschen stehen irgendwann vor der Frage: Soll ich meinen IQ testen lassen? Die Unsicherheit ist groß – was, wenn das Ergebnis enttäuschend ausfällt? Was, wenn der Test nicht das misst, was ich wirklich kann? Die Angst vor dem „Versagen“ bei einer solchen Testung ist weit verbreitet. Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob man seinen IQ testen lässt, sondern was man mit dem Ergebnis anfangen möchte.

Ein Zahlenspiel mit Grenzen

Ein IQ-Wert von 130 gilt als Schwelle zur Hochbegabung, doch was bedeutet das wirklich? Im echten Leben macht es kaum einen Unterschied, ob jemand einen IQ von 129 oder 131 hat. Die Einteilung in „hochbegabt“ oder „nicht hochbegabt“ ist eine Grenze, die auf statistischen Normierungen basiert. Intelligenz ist komplexer, als eine einzelne Zahl es abbilden kann. Sie umfasst logisches Denken, Kreativität, emotionale Intelligenz und praktische Fähigkeiten – Aspekte, die ein standardisierter Test nur bedingt erfassen kann.
Dennoch kann ein IQ-Test wertvolle Impulse geben: Er kann Stärken aufzeigen, Unterforderung erklären oder den Weg zu passenden Förderangeboten ebnen. Wichtig ist, den Test nicht als endgültiges Urteil, sondern als einen von vielen Bausteinen der Selbsterkenntnis zu sehen.

Wie und wo testen lassen?

Wer sich für einen IQ-Test entscheidet, sollte auf seriöse Anbieter achten. Qualifizierte Psychologen oder spezialisierte Institute führen standardisierte Tests mit einer guten Normierung durch. Weiters sollte man vor allem darauf achten, in welchem Rahmen man die Testung durchführt und wie gut man sich darauf vorbereitet hat.

Vorbereitung? Es gibt keine „Lernliste“ für IQ-Tests, aber ein paar Tipps helfen:

  • Es gibt im Internet viele Angebote, IQ-Tests durchzuführen und Beispiele zu üben.
  • Ausgeschlafen und entspannt zum Termin erscheinen.
  • Kein Druck – der Test misst Fähigkeiten und nicht den Wert einer Person.
  • Im Vorfeld über den Ablauf informieren, um Nervosität zu reduzieren.

Was tun mit dem Ergebnis?

Ein IQ-Wert allein sagt wenig aus. Entscheidend ist, wie man ihn nutzt:

  • Schule/Beruf: Bei Unterforderung kann das Ergebnis als Argument für Enrichment-Programme oder spezielle Förderangebote dienen.
  • Selbstreflexion: Stärken und Schwächen bewusst machen – wo liegen meine Talente? Wo möchte ich mich weiterentwickeln?
  • Beratung: Fachleute helfen, die Ergebnisse einzuordnen und passende Fördermöglichkeiten zu finden.

Doch der IQ ist nur ein Puzzleteil. Mindestens genauso wichtig ist die Frage: In welchen Begabungsdomänen bin ich stark? Manche Menschen glänzen in Mathematik, andere in Kreativität, Musik oder sozialer Intelligenz. Ein ganzheitlicher Blick auf die eigenen Fähigkeiten lohnt sich.

Fazit: Ob man seinen IQ testen lässt oder nicht, ist eine individuelle Entscheidung. Wichtiger als die Zahl ist die Frage: Was möchte ich erreichen – und wie kann ich meine Stärken dafür nutzen? Wer sich darauf konzentriert, findet Wege, sein Potenzial zu entfalten!

Mehr als nur eine Zahl

Wer nicht nur seinen IQ, sondern auch seine Persönlichkeit und Begabungen besser verstehen möchte, findet bei Cebras (www.thecebras.com) ein kostenloses Angebot: Neben einer ersten Einschätzung der kognitiven Fähigkeiten können Nutzer ihre Persönlichkeitsstruktur und verschiedenen Begabungsbereiche erkunden. Denn wahre Begabung zeigt sich nicht in einer Zahl, sondern darin, wie wir unsere Talente einsetzen – im Beruf, in der Freizeit und im Umgang mit anderen.

Portrait Gerlinde Heil - Foto: Manfred Baumann

Erfahrungsbericht: Neurodivergent Leadership in der Praxis – von Gerlinde Heil

Gerlinde Heil, Didaktikerin, Gründerin und CEO von Science Pool, einem privaten Bildungsunternehmen (KMU mit 50-60 Angestellten), das sich mit MINT-Vermittlung befasst. Das Angebot umfasst Schulworkshops im Haus Science Pool, Freizeitpädagogik, Ferienprogramme und Events österreichweit. 

Eigentlich wurde der Science Pool gegründet, um die Interessen begabter Kinder und Jugendlicher zu fördern. Dabei gibt und gab es Schnittstellen mit weiteren Neurodivergenzen – besonders AD(H)S und Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die Grenzen sind, wenn sie überhaupt existieren, fließend. Eine „Kochrezeptmethodik“ gibt es nicht. Allerdings funktioniert eine gewissermaßen „gemeinsame Sprache“: Als selber Neurodivergente ist es schon recht viel einfacher, neurodivergente Kinder zu unterrichten, zu coachen, zu interessieren.
Als diese Kinder älter wurden, suchten sie Jobs. Und blieben auch während des Studiums im Science Pool als Vermittlungspersonen.

Das ist mittlerweile schon lange her, die damaligen Studierenden sind in ihren Brotberufen gelandet, die Arbeit im Science Pool ist kein Job mehr – was geblieben ist: Ich leite ein Unternehmen als Neurodivergente, das viele Neurodivergente angestellt hat und viele Neurodivergente unterrichtet.
Dass Unterschiede in der Form der Zusammenarbeit bestehen, wird mir nur selten bewusst. Die Hierarchien sind sehr flach, kaum erkennbar und fluid. Sie beruhen auf Spezialistentum. Andererseits greifen alle unsere Tätigkeiten, Events, Projekte, Kinderkurse, Workshops auf den gleichen Personenpool zu, daher kann jeder alles. Allerdings eben nicht immer gleich gut oder gleich gerne.

Hier muss die Einsicht in die Notwendigkeit bestehen, und auch darin, dass die Erfahrungen einer Person, die etwas nicht gern macht, für alle anderen sehr hilfreich sind. Wesentlich ist auch das Wissen um und die Akzeptanz der Besonderheit aller anderen: Offenheit ist eine Bring- und Holschuld. Leistung allerdings auch. Manchmal kommt bei einigen Personen die Leistungskurve in Wellen, das ist gut zu integrieren, wenn man es weiß und kennt und auch die betroffene Person damit gut umgeht. Oft helfen schon kleine Anpassungen der Arbeitsumgebung – Geräusche, visuelle Achsen, Kernzeiten.
Umso weniger das Team durch unnötige Kleinigkeiten belastet ist, umso lieber arbeitet es. Eustress leitet besser als ein Chef.
Allerdings „kracht“ es schon auch. Und gerade intelligente Menschen können gut abschätzen, wo es weh tut. Kritik tut immer weh, besonders klugen Leuten tut sie meist besonders weh. Viele sind nicht daran gewöhnt, Fehler zu machen, das alles weiß ich natürlich auch aus eigener Erfahrung: Wer viel arbeitet, macht auch entsprechend mehr Fehler. Und es interessiert mich im Normalfall nicht, wer den Fehler macht, sondern dass er kein zweites Mal passiert.

Wesentlich ist einerseits ein hohes Maß an Toleranz, andererseits auch, die Grenze zwischen Toleranz und Gefährdung zu definieren. Notfalls täglich neu.

Fazit: Eine „Kochrezeptkommunikation“ mit Mitarbeitenden gibt es auch nicht. Aber auch hier funktioniert die gewissermaßen „gemeinsame Sprache“. Und Diversität ist bei uns Norm.
Mikromanagement funktioniert unter Neurodivergenten nicht besonders gut – auch, weil ich es selber nicht gern ausübe. Der größere Frei- und Gestaltungsraum unterstützt bei den meisten auch ihren Willen, Verantwortung zu übernehmen, auch und vor allem für Kinder, die auf Grund ihrer Interessen und Besonderheiten auch besondere Förderung brauchen.
Als neurodivergente Person Rücksicht der anderen Teammitglieder zu verlangen, bloß weil man neurodivergent ist, funktioniert im Kontext unserer Tätigkeiten allerdings nicht pauschal. Neurodivergenzen nutzbringend einzusetzen, allerdings schon – niemand muss darunter leiden, schnell zu denken!

Hochbegabung, die — Grammatikalisch ist Hochbegabung weiblich

Über die Autorin: Alexandra Beran arbeitet als Ärztin und als Systemische Beraterin und Therapeutin. Mit ihrer fast 20-jährigen Erfahrung im Bereich Hochbegabung berät sie Einzelpersonen, Familien und Unternehmen zum Thema Hochbegabung. „Hochbegabung in allen Lebenslagen“ ist ihr Motto! Denn Hochbegabung spielt in allen Lebensbereichen eine Rolle. Nicht nur in Schule oder Beruf, sondern auch in der Freizeitgestaltung, Freundeskreis, Medizin, Partnerschaft und manchmal bis hin in die Sexualität.
Alexandra Beran ist gut mit hoch- und höchstbegabten Menschen vernetzt und ihr Netzwerk im Bereich Wirtschaft und Politik wächst stetig. Sie ist Co-Autorin des Buches „Innovationen — Frauen schaffen Zukunft“, und war Studiogast bei „Arte Saloon“ zum Thema Intelligenz. Sie hält Vorträge bei der Bundesagentur für Arbeit in Mainz, dem Zentrum für Lehrerbildung in Kaiserslautern, in Kliniken, bei der Friedrich-Naumann Stiftung u.v.m. www.alexandra-beran.de 

Stellen Sie sich vor, Sie werden zu einer Veranstaltung von und mit hochbegabten Menschen eingeladen. Sie überlegen, wem sie dort begegnen werden, welche Gesprächsthemen es wohl geben wird und vielleicht ist Ihnen auch ein kleines
bisschen mulmig zumute, bei dem Gedanken, dass da so viele hochintelligente Menschen anwesend sein werden. Sie betreten den Raum und er ist voll mit… Frauen!
Hätten Sie das erwartet?

Warum hochbegabte Frauen oft unsichtbar bleiben
Die Intelligenz ist bei Männern und Frauen etwa gleich verteilt und doch treten hochbegabte Frauen weniger in Erscheinung. Woran liegt das?
Zum einen verbindet die Gesellschaft Intelligenz eher mit dem männlichen Geschlecht. Möglicherweise weil Männer sich mehr zeigen. Besonders deutlich nehmen wir Hochbegabung bei Quizshows wahr. Und nahezu alle Profi-Quizzer sind männlich.

Zum anderen ist Anpassung ein großes Thema. Anpassung an die Norm. Das heisst, das schnelle Denken zügeln, die Sprechgeschwindigkeit drosseln, Small Talk halten, etc.
Das ist natürlich nicht nur bei Frauen so, aber sie können aufgrund sozialer Rollenbilder oder Erziehung wahre Meisterinnen der Anpassung sein. In extremen Fällen wissen sie gar nicht, wie und wer sie selbst wirklich sind. Und da sie es gewohnt sind, sich schon ab der Kindergarten- und Grundschulzeit ihrem Gegenüber stets anzupassen, fällt es ihnen selbst überhaupt nicht mehr auf.

Weniger Anpassung, mehr Sichtbarkeit!
Anpassung ist sehr energieraubend und kann über Jahre hinweg zu massiver Erschöpfung, dem gleichzeitigen Auftreten von Boreout und Burnout oder sogar zu
Depressionen führen.

Hinzu kommt, wenn hochbegabte Frauen stets angepasst sind, sind sie mit ihrer Hochbegabung für andere Menschen, sogar auch für andere Hochbegabte, nahezu unsichtbar und sie werden als merkwürdig oder seltsam wahrgenommen. Das ist fatal! Denn es ist für alle Menschen, egal ob hochbegabt oder nicht, wichtig, im passenden Umfeld zu sein, um Zugehörigkeit zu erleben, ihr Potenzial entfalten zu können und um soziale und emotionale Anbindung zu erfahren.
Deshalb ist es zwingend notwendig, um die eigene Hochbegabung zu wissen, dies gilt für alle Geschlechter. Es hat positive Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche, sowie die körperliche und psychische Gesundheit.

Hochbegabte Menschen sind anders in ihrer Wahrnehmung, Geschwindigkeit, Intensität, Denken, etc. Sie weichen damit von der Mehrheit ab. Das ist nicht schlechter oder besser. So wie sie sind, sind sie völlig in Ordnung, sie gehören
lediglich einer Minderheit an. Sich dessen bewusst zu sein ist wichtig. Denn es erklärt, weshalb sie manchmal nicht verstanden werden, z.B. in ihren Werten, Planungen, Ideen…
Wenn sie sich dieses Andersseins bewusst sind, erklärt sich fast schon von selbst, weshalb manche Handlungen als anstrengend oder unangenehm empfunden und dann vermieden werden oder weshalb es vielleicht zu Missverständnissen kommt.

Ein neues Leben!
Wenn sich Frauen ihrer Hochbegabung bewusst sind, können sie so manches aus einer anderen Perspektive betrachten. Situationen, Kommentare, Erlebnisse, die zuvor vielleicht als abwertend, bloßstellend oder schwächend wahrgenommen wurden, können nun anders eingeordnet werden. Es gibt ein Erklärmodell dafür und damit verlieren solche Erlebnisse ihre schwächende Wirkung. Selbstzweifel schwinden, wenn ein Austausch mit anderen hochbegabten Frauen möglich ist.

Oftmals starten Frauen nach der Entdeckung ihrer Hochbegabung beruflich richtig durch. Entweder im vorhandenen Job oder sie beginnen etwas völlig Neues. Sie haben dann mehr Energie zur Verfügung, weil sie sich Räume und das passende Umfeld schaffen können, wo keine Anpassung notwendig ist — wo sie „sein“ dürfen, einfach so wie sie sind. Dies und noch einiges mehr trägt dazu bei, dass Frauen ein anderes Bewusstsein für sich entwickeln können und mehr Selbstwirksamkeit erfahren können. Die positiven Auswirkungen sind auch in der Familie spürbar, so können Mütter, die sich mit ihrer eigenen Hochbegabung gründlich auseinandergesetzt haben, ihre Kinder besser bei den Herausforderungen mit deren Hochbegabung unterstützen.

Wie können wir hochbegabte Frauen und Mädchen erkennen? Und wie können hochbegabte Frauen sich selbst erkennen?
Jeder Mensch ist einzigartig, das gilt auch für hochbegabte Menschen. Nichts desto trotz sind es oftmals Kleinigkeiten und wenn diese sich häufen, sollte man an eine unerkannte Hochbegabung denken.

Hier einige Beispiele:
• Ein wacher, lebhafter Blick
• Gedanklich oft einen oder mehrere Schritte voraus sein, bei Planungen oder in Diskussionen
• Schnelles Sprechen, Gedankensprünge
• Viele Dinge gleichzeitig im Blick haben, beruflich und privat
• Viele oder konträre Hobbies oder Interessensgebiete
• Hohe Ansprüche an sich selbst und andere
• Neugierig, im Sinne von vielseitig interessiert sein
• Dinge ganz genau wissen wollen
• Smalltalk können, aber nicht mögen; lieber tief gehende Gespräche
• Sich selbst als widersprüchlich wahrnehmen oder von anderen so wahrgenommen werden
• Hochbegabte Familienmitglieder
• Routinetätigkeiten kosten viel Kraft und ermüden, z.B. Hausarbeit

Es lohnt sich, seinen IQ zu kennen!
Ist er in der Norm, ist es wunderbar.
Ist er außerhalb der Norm, sollten wir reden 😉

Gastbeitrag von Birgit Hartel: Frühe Begabungen vor den Vorhang!

Birgit Hartel arbeitet als Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin in eigener Praxis in Wien (www.hochbegabung.wien) und als Trainerin in ganz Österreich. Sie studierte Psychologie, Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik. Ihre Themenschwerpunkte sind (Hoch-)Begabung, Lernen lernen und die persönliche Stärkenentwicklung. Sie ist diplomierte ECHA-Pädagogin (Expert in Educating the Gifted), mBETplus-Begabungscoach und Marte-Meo Therapist.
Hartel bringt ihre Erfahrungen als ECHA-Länderbeirätin für Wien und als stellvertretende Leiterin der Fachsektion Pädagogische Psychologie im Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) ein. (Foto: Sebastian Frank)

Die frühe Förderung von Begabungen erfährt in den letzten rund 15 Jahren deutlich mehr Beachtung. Erkenntnisse der Expertiseforschung über die Bedeutung eines frühen Einstiegs in eine Domäne legen eine interessen- und stärkenbezogene Förderung von Kindern schon vor dem Schuleintritt nahe. Aus den Bereichen Sport und Musik ist das hinlänglich bekannt. In der Regel liegt das Einstiegsalter zwischen dem dritten und achten Lebensjahr. Auch in akademischen Begabungsdomänen beginnt spätestens mit dem Schuleintritt im meist siebten Lebensjahr eine systematische Unterweisung. Einfühlsame Eltern (und ElementarpädagogInnen) reagieren jedoch bereits lange vor Schuleintritt auf die Interessen und den Wissensdurst junger Kinder und legen damit den Grundstein für eine „positive Wissensspirale beim Lernen“ (Ziegler, 2014, S. 101). Eine gut strukturierte Wissensbasis im vorschulischen Alter stellt eine notwendige Voraussetzung für spätere, schulische Lernprozesse dar. Begabte Kinder gelten dabei als erfolgreicher, Informationen aus ihrer Umwelt durch ausgeprägtes Explorationsverhalten zu integrieren. So kann bereits bei begabten Kindergartenkindern ein teilweise umfangreiches Spezialwissen beobachtet werden, das über die Lebensspanne hinweg bis zum ExpertInnenniveau ausgebaut wird. Gleichzeitig erwerben sie bereits früher Problemlösestrategien und höher ausgeprägte metakognitive Kompetenzen. Das Fähigkeitspotenzial eines Kindes rechtzeitig einzuschätzen, trägt somit zu einer entwicklungsangemessenen Begabtenförderung bei.

Kinder mit Hochbegabung brauchen Lernangebote, die zu ihrem Potenzial passen. Fehlen diese, drohen sinkendes Selbstvertrauen, Verhaltensauffälligkeiten, sozialer Rückzug oder psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Hochbegabtenförderung ist daher kein „Luxus“, sondern Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung – und in den Kinderrechten verankert.

Eltern hochbegabter Kinder spielen eine Schlüsselrolle in der Förderung ihrer Kinder, geraten dabei aber oft selbst unter Druck. Studien zeigen: Sie brauchen Wissen, Austausch und emotionale Unterstützung. Viele fühlen sich isoliert, unsicher in Erziehungsfragen und erschöpft, weil sie zwischen institutionellen Rahmenbedingungen (in Kindergarten oder Schule) und den individuellen Bedürfnissen ihres Kindes vermitteln müssen. Sie sind gefordert, immer wieder als „Anwälte“ ihrer Kinder aufzutreten – in Schule, Kindergarten oder sogar im Freundeskreis. Fachliche Beratung, mehr gesellschaftliche Anerkennung und der Austausch mit anderen betroffenen Familien helfen, diese Aufgabe gelassener und gestärkter wahrzunehmen.

Ein Angebot, das die Bedürfnisse der Eltern hochbegabter Kinder aufgreift, ist die online-Gruppenberatung „BeGIFTed!“ der Praxis Hartel-Elementar, die jedes Monat einem anderen Thema aus dem Alltag mit hochbegabten Kindern gewidmet ist.
Am 20.10.2025 dreht sich alles um die frühe (Hoch-)Begabtenförderung. Gastexpertin Sabine Wohlfahrt, Begabungspädagogin aus Kärnten, berichtet aus ihrer Praxis und gibt Tipps zur Förderung junger begabter und interessierter Kinder. Folgende Fragestellungen stehen im Mittelpunkt: „Welche Rahmenbedingungen braucht es, um innerhalb der Familie eine begabungsfreundliche Umgebung zu schaffen?“ „Wie können Familien individuelle Stärken und Interessen fördern?“ Im Austausch untereinander entstehen sicher viele, einzigartige Förderideen! Und um die hochbegabten Eltern selber und ihre Bedürfnisse geht es übrigens am 24.11.2025.

Fazit: Hochbegabte Kinder benötigen passende Lernbedingungen – und ihre Eltern brauchen Rückhalt. Wer beides zusammendenkt, stärkt nicht nur das Potenzial der Kinder, sondern das gesamte Familienleben.

Literatur:
Hartel, B. (2021). Begabungsdiagnostik bei Kindergartenkindern. Psychologie in Österreich, 2, 147–155.
Ziegler, E. (2014). Talent und Begabung in der Kognitionspsychologie. In M. Stamm (Hrsg.), Handbuch Talententwicklung. Theorien, Methoden und Praxis in Psychologie und Pädagogik (S. 97-106). Bern: Huber.

Portraitfoto von Katharina Werner

Was sagen Schulnoten über Talente und Begabungen?

Katharina Werner war von 2021 bis 2024 Abgeordnete zum Österreichischen Nationalrat für NEOS. 2024 veröffentlichte sie ihr Buch „Gemma Bildung“ mit 50 Hacks um das österreichische Schulsystem zu einem der besten und fairsten der Welt zu machen.
Vor ihrer Zeit in der Politik unterrichtete die studierte Kommunikations- und Politikwissenschafterin dreieinhalb Jahre als Quereinsteigerin und Fellow von Teach For Austria an einer Brennpunktschule in Oberösterreich und kehrte nach ihrer Zeit in der Bundespolitik wieder in den Job als Lehrkraft zurück. Als Bildungsaktivistin und Mama eines Schulkindes liegen der Teilzeitalleinerzieherin Chancenfairness und die individuelle Förderung unserer Kinder besonders am Herzen.

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In einer großen österreichischen Tageszeitung werden im Sommer all jene Kinder abgebildet, die ausschließlich die Note “sehr gut” in ihrem Zeugnis aufweisen. Sieht man sich die Kinder an, dann sind das Lisas und Lenas, Noahs und Martins. Alis, Fatemas, Arijans und Jasnas kommen nicht vor. Nun stellt sich die Frage: Sind die Talente und Begabungen in unserer Bevölkerung wirklich so ungleich verteilt? Oder: Was sagen Noten überhaupt über die Talente und Begabungen eines Kindes aus?

Der Vergabe von Noten liegt die Idee zu Grunde, dass man mit ihnen Leistung sichtbar machen, Kinder über Schulen hinweg vergleichen und Dritten (der Wirtschaft) Auskunft über erlangte Kompetenzen geben kann (Allokationsfunktion von Schule). Tatsache ist jedoch, dass Noten und Kompetenzen oft wenig miteinander zu tun haben (vgl. Pant 2020: S.35), Noten aufgrund verschiedener Gründe und Effekte nicht objektiv sind (vgl. Holmeier 2013; Schwaighofer, Heene, Bühner 2019) und, wie die oben genannte Beobachtung belegt, oft von dritten Faktoren (sozioökonomischer Hintergrund) abhängig sind. Schließlich verstecken sich hinter Noten auch noch Zuschreibungen an das Geschlecht: Gute Schulnoten werden bei Mädchen als Zeichen für Anstrengung interpretiert, bei Jungen hingegen als Zeichen für Intelligenz und Talent (vgl. Kessels 2022). Bei Jungen spiegelt sich in Benotungen häufig auch eine Verhaltenskomponente wider. Und nicht selten bekommen gerade hochbegabte Kinder schlechte Noten, nicht nur aus Langeweile oder Unterforderung, sondern aufgrund fehlender Lernstrategien (vgl. Dönges 2021).

Und dann gibt es noch den Unterschied zwischen den Fächern: Welche Lehrkraft traut sich, einem Kind in Kunst, Musik oder Werken eine schlechtere Note als ein Befriedigend zu geben? Geschweige denn ein Nicht genügend? Wie aussagekräftig sind diese Zahlen? Und: Sind es nicht andere Kompetenzen als das akademische Fachwissen, die angesichts rasanter technologischer Entwicklungen bedeutender werden? Wie sollten wir diese in Zukunft erfassen?

Wie kommen wir nun raus aus diesem Dilemma, Talente und Begabungen unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund und dem Geschlecht von Kindern sichtbar zu machen und der Allokationsfunktion, die an das Bildungssystem gestellt wird, trotzdem gerecht zu werden?

Zuallererst braucht es einen Mindshift, der auch von den politisch konservativen Kräften mitgetragen werden muss: Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass Noten etwas über Talente, Begabungen und Kompetenzen aussagen, dass Kinder nur etwas leisten, wenn sie dafür eine Note bekommen oder dass Noten eine effiziente Form des Feedbacks darstellen und uns dabei helfen Kinder differenziert zu fördern – jene am unteren Ende der Normalverteilung und jene am oberen Ende. Und: Verabschieden wir uns endlich von der Vorstellung, dass jedes Kind alles können muss. Wenn wir Exzellenz wollen, müssen wir daran arbeiten, Stärken zu stärken und nicht viel Energie darauf verschwenden, Schwächen auszugleichen.

Im PISA-Vorbildland Finnland gibt es bis zum Alter von 15 keine Notenpflicht. Stattdessen wird das Lernen konsequent durch verschiedene Feedbackmethoden sichtbar gemacht (vgl. Hasel 2023), was auch jenen Kindern zu Gute kommt, die als hochbegabt gelten. Und trauen wir uns zu träumen: Etwa von einem Talentscout an jeder Schule (vgl. Werner 2024), der/die mit einem geschulten Blick für Begabung die Einzigartigkeit von jedem Kind sieht und von früherer Diagnostik und individueller Förderung, die das teure Sitzenbleiben obsolet machen, wie etwa OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher fordert (vgl. Kroisleitner 2025).

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LITERATUR:

Dönges, J. (2021): Warum manche trotz hohen IQs schlechte Noten bekommen. In: Spektrum; online abrufbar: https://www.spektrum.de/news/warum-manche-trotz-hohem-iq-schlechte-noten-bekommen/1930918 .

Hasel, V. F. (2023): Das krisenfeste Kind. Lernen für die Welt von morgen. Ort: Kein & Aber.

Holmeier, M. (2013): Leistungsbeurteilung im Zentralabitur. Wiesbaden: Springer VS.

Kessels, U. (2022): Welche Rolle spielen Geschlechterstereotype in der Schule? In: Campus Schulmanagement; online abrufbar: https://www.campus-schulmanagement.de/magazin/geschlechterstereotype-in-der-schule .

Kroisleitner, O. (2025): OECD-Vergleich: Österreicher können schlechter lesen, Kinder bleiben öfter sitzen. In: Der Standard; online abrufbar: https://www.derstandard.at/story/3000000286825/oecd-vergleich-oesterreicher-koeschlechter-kinder-bleiben-oefter-sitzen?ref=niewidget .

Pant, H.A. (2020): Notengebung, Leistungsprinzip und Bildungsgerechtigkeit. In: Beutel, S.-I./Pant, H.A. (2020): Lernen ohne Noten. Alternative Konzepte der Leistungsbeurteilung. Stuttgart: W. Kohlhammer.

Schwaighofer, M./Heene, M./Bühner, M. (2019): Grundlagen und Kriterien der Diagnostik. In: Urhahne, D./Dresel, M./Fischer, F. (Hrsg.): Psychologie für den Lehrberuf (S.471-491): Berlin: Springer.

Werner, K. (2024): Gemma Bildung. 80 Hacks für ein besseres Bildungssystem. Wien: Edition Platin.