4 Fragen an … Pius M. Theiler, Physiker, Ingenieur, Material- und Nanowissenschaftler
Pius M. Theiler hat an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), dem MIT und der ETH Zürich studiert. Als Postdoctoral Researcher forscht er zur Zeit am National Renewable Energy Laboratory in Denver, Colorado, USA.
Als Physiker, Ingenieur und Materialwissenschaftler bewegt er sich an der Schnittstelle zu Mikro- und Quantenwelten. Neben seiner Forschung engagiert er sich für die Vermittlung naturwissenschaftlicher Inhalte und absolviert eine Zweitausbildung zum Gymnasiallehrer für Physik.
Kürzlich wurde ein wissenschaftlicher Durchbruch veröffentlicht, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat (Science, DOI: 10.1126/science.ady4885). Die Studie zeigt, wie das Fehlen von Spiegelsymmetrie in Molekülen und Materialien das Verhalten von Ladungsträgern verändert und dadurch magnetische Effekte entstehen lässt: Ganz ohne die sonst üblichen seltenen Elemente. Diese seltenen Erden haben eine zunehmend strategische Bedeutung, weshalb alternative Mechanismen von grossem Interesse sind.
Bemerkenswert ist, dass die Natur dieses Prinzip offenbar schon lange in biologischen Prozessen nutzt. Erstmals konnte gezeigt werden, dass dieser Effekt extrem schnell abläuft – in weniger als einer Billionstel Sekunde. In seiner Forschung versucht Theiler, den zugrunde liegenden quantenmechanischen Mechanismus zu entschlüsseln, um langfristig Wege zu finden, etwa pharmazeutische Wirkstoffe effizienter und nachhaltiger herzustellen.
Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?
Seit ich denken kann, habe ich die Freiheiten genutzt, die mir gegeben wurden und sie wohl auch manchmal etwas gedehnt, um meinem Entdeckergeist Raum zu geben. Mir wurde immer Vertrauen entgegengebracht, und das hat mir Selbstvertrauen geschenkt.
Ich bin immer dann aufgeblüht, wenn man mich einfach hat machen lassen. So habe ich auf intuitive Weise naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten durch eigene Erfahrungen gelernt. Ich hatte fast immer ein Projekt am Laufen, das mich faszinierte, forderte und mich autodidaktisch weiterbrachte. Wenn die pröbeln einmal nicht ausreichte, war die Gemeindebibliothek direkt gegenüber meinem Elternhaus eine unerschöpfliche Quelle: kein Sachbuch war vor mir sicher. So habe ich mich selbst beschäftigt gehalten, wenn ich in der Schule „zu viel Zeit“ hatte, ohne je das Interesse am Entdecken zu verlieren.
Richtig entfalten konnte ich mich schließlich mit meiner Maturaarbeit. Durch die Unterstützung meiner Physik- und Chemielehrer erhielt ich wertvolle Kontakte zu Expertinnen, Experten und Mentoren an Universitäten.
Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?
Im Nachhinein war es wahrscheinlich gut, dass nicht alles zu früh erkannt wurde. So blieb Raum für eigene Wege und Erfahrungen. Gleichzeitig brachte das Anderssein auch Einsamkeit mit sich, wenn meine Fragen oder Gedanken nicht verstanden wurden.
Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?
Ich frage mich oft, wie man Begabung als Ressource steuert: Energie dort einzusetzen, wo sie Wirkung entfaltet, Herausforderungen anzunehmen, die zum persönlichen Wachstum beitragen, und zugleich zu lernen, nicht jede Gelegenheit zu verfolgen, um sich nicht zu verzetteln oder auszubrennen.
Was möchten Sie zu dem Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?
Ich beobachte, dass es in der Schweiz im Vergleich zu anderen Kulturen eine starke Orientierung zur Mitte gibt. Diese Haltung hat viele gesellschaftliche Vorteile, kann im schulischen Umfeld jedoch problematisch sein. Konformität führt dazu, dass leistungsschwächere Lernende überfordert sind, während besonders begabte Kinder oft unterfordert und desinteressiert bleiben.
Begabungsförderung lässt sich nicht nach einem festen Rezept gestalten, denn es gibt nicht die eine Form von Begabung. Sie muss nicht aufwändig sein, sollte aber kreativ, individuell und auf die intrinsische Motivation der Lernenden ausgerichtet sein. Wichtiger als reine Leistungsabfrage ist es, Selbstständigkeit und Eigeninitiative zu fördern.
Für Lehrpersonen kann es anspruchsvoll sein, besonders begabte Personen zu begleiten. Es braucht Mut, einzugestehen, wenn man selbst an Grenzen stösst. Gute Begabungsförderung bedeutet, zuzuhören, Orientierung zu geben und Brücken zu anderen Fachpersonen oder Mentoren zu schlagen, die weiteres Wachstum ermöglichen. Manche Lernende haben ein sehr breites Interessenspektrum und hier reicht eine einzelne Bezugsperson oft nicht aus. Doch nichts hemmt Begabung so stark wie ein Umfeld, das durch Konformitätsdruck natürliche Neugier und Entdeckergeist erstickt. So gehen nicht nur Talente verloren, sondern Menschen verlieren auch die Chance, ihr Potenzial wirklich kennenzulernen.

Eva Theiler
