4 Fragen an … Mel Jäger, Vorstand Mensa in Deutschland e.V. und Mensa International

Mel Jäger ist im Münsterland aufgewachsen, arbeitet als Programmmanager in einem mittelständischen Softwareunternehmen und engagiert sich bei Mensa auf deutscher und internationaler Vorstandsebene. Beruflich wie ehrenamtlich begeistert sich Mel dafür, Menschen zusammenzubringen, komplexe Vorhaben zu organisieren und Strukturen zu schaffen, die Zusammenarbeit erleichtern. Weltweite Kontakte und die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen aus vielen Ländern prägen dabei die Perspektive ebenso wie besonders enge Verbindungen nach Österreich und Frankreich.

Ab wann im Leben haben Sie Ihre Talente und Begabungen so richtig entfalten können? Was war dafür ausschlaggebend?

Jäger: Das schwankte. Meine Kindheit war diesbezüglich großartig. Wenn ich etwas entdecken wollte, tat ich das oft gemeinsam mit meinem Opa. In der Schule ging es mir zwar häufig zu langsam voran, aber ich bekam Raum, an eigenen Projekten zu arbeiten („Drehtürmodell“). Während meines Studiums trat ich Mensa bei und lernte Menschen kennen, die ähnlich ticken wie ich. Plötzlich war ich „wie die anderen“ – ein völlig neues Gefühl.
Gemeinsam mit den anderen „Ms“ konnte ich immer wieder Ideen auf die Straße bringen und die Welt entdecken. Ich bin froh, Mensa gefunden zu haben, denn die Gemeinschaft hat meine persönliche Entfaltung auf eine ganz neue Ebene gehoben.
Es gab allerdings immer mal wieder Durststrecken. Rückblickend ist für mich ziemlich eindeutig, dass die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an meiner Seite ausschlaggebend dafür waren, ob ich mich entfalten konnte oder nicht.

Was hätten Ihre Eltern (bzw. Lehrerinnen/Lehrer) über Sie früher wissen sollen?

Jäger: Ich habe meinen ersten IQ-Test erst mit 21 Jahren gemacht, aber meine Begabung hat eigentlich nie jemand infrage gestellt. Man sah sie schon im Kindergarten. Deshalb war es vorher nie nötig, einen Test zu machen.
Das kann aber auch ganz anders sein. Nicht jedes hochbegabte Kind zeigt seine Begabungen; manche verstecken sich auch hinter schlechten Noten, Verhaltensauffälligkeiten oder dem Versuch, nicht aufzufallen. Deshalb darf Begabungsförderung nicht nur die Kinder erreichen, deren Potenzial ohnehin schon sichtbar ist. 
Hilfreich wäre sicherlich, wenn Eltern und Lehrkräfte generell mehr Wissen darüber hätten, wie man mit hochbegabten Kindern umgeht. Heute ist es deutlich einfacher als in den 1990er-Jahren, Beratung und Informationen dazu zu finden; Mensa und andere Vereine wie die DGhK leisten hier eine Menge.
Fachlich wurde ich gut gefördert, die soziale Ebene blieb jedoch oft auf der Strecke. Lehrkräfte sollten darauf achten, die Balance zwischen fachlicher und sozialer Förderung zu halten und nicht eine der beiden Seiten zu übersehen.

Welche Fragen stellen sich für Sie – in Bezug auf Begabung – immer noch?

Jäger: Wie wir es schaffen können, wirklich alle Kinder passend zu fördern – nicht nur die, die Förderung brauchen, sondern auch die, die Forderung brauchen.

Was möchten Sie zum Thema Begabungsförderung der Gesellschaft gerne weitergeben?

Jäger: Hochbegabung ist kein Luxusproblem. Wir leben in einem Land, dessen wichtigste Ressource die Menschen sind. Wer hochbegabte Kinder nicht fördern will, lässt enormes Potenzial für die Zukunft ungenutzt.
Begabungen entfalten sich nicht von allein – sie brauchen Aufmerksamkeit, Möglichkeiten und Menschen, die an sie glauben.